Wirkort virtuell – gesellschaftswissenschaftliches Lernen durch Virtual-Reality-Exkursionen im Rahmen der Lehr-Lern-Gelegenheit "goAIX! – historische Orte erforschen"

Wie können sich Schülerinnen und Schüler von zu Hause aus mit historischen, politischen und religiösen Lerninhalten auseinandersetzen? Wie finden gesellschaftswissenschaftliche Fächer Platz in der Aufmerksamkeit der Lernenden in dieser Zeit, in der sie von so viel Ungewohntem bestürmt werden? Seit April stellt sich die Lehr-Lern-Gelegenheit "goAIX! – historische Orte erforschen" der RWTH Aachen diesen Fragen mit einem virtuellen Angebot, das Lernende zu ‚Ortsbesuchen‘ von zu Hause aus einlädt.

Virtueller Rundgang Annakirche Aachen

Virtuelle Exkursion in der Annakirche Aachen: Was wie ein normales Video aussieht, kann dank des sehr einfach zu verwendenden VR-Players in youtube viel mehr: Jederzeit kann sich in alle Richtungen umgeschaut werden, wobei sich Raumgeräusche an die Blickrichtung anpassen.

© Kristopher Muckel

Von Kristopher Muckel

Bedeutet Geschichtsunterricht (nur), die Lebensdaten großer Männer auswendig zu lernen; Politik lernen nichts anderes, als (nur) Parteien aufzählen zu können; Religionsunterricht (nur), Gebete auswendig zu lernen?  – In diesem Fall hätten Schulschließungen und Notprogramme dem gesellschaftswissenschaftlichen Lernen wenig anhaben können. Betrachtet man die genannten Fächer jedoch als auf die Entwicklung und Förderung eines historisch-politisch-religiösen Bewusstseins ausgerichtet, das sich kaum mit Arbeitsblättern trainieren lässt, werden die Schwierigkeiten von Lehrkräften der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, ihre Lernenden angemessen zu erreichen, umso verständlicher.

Der am Lehr- und Forschungsgebiet „Didaktik der Gesellschaftswissenschaften“ eingerichteten Lehr-Lern-Gelegenheit "goAIX! – historische Orte erforschen" kam in dieser von Einschränkungen geprägten Situation die grundsätzliche Ausrichtung des Gesamtprojektes "Gemeinsam verschieden sein in einer digitalen Welt – Lehrerbildung an der RWTH Aachen (LeBiAC)" zugute, das in der zweiten Förderphase der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" die Entwicklung von Strategien digitalen Lehrens und Lernens forciert.

Vor diesem Hintergrund konnte die Grundstruktur von goAIX!, gemeinsam mit Studierenden und Schülerinnen und Schülern die Diversität unserer Gesellschaft anhand von Wirkorten wie der Aachener Synagoge oder des Alten Regierungsgebäudes, die ihr historisches, politisches und religiöses Erbe in sich tragen, zu erforschen, bereits im vergangenen Jahr durch einen zunehmend digitalen Zugriff erweitert werden: Mithilfe von Virtual-Reality-Technologie (VR) werden die Wirkorte insbesondere zu Gelegenheiten erfasst, die sich in Exkursionen nicht immer reproduzieren lassen – man bedenke beispielsweise nur, wie anders eine stille Kirche wirkt im Vergleich zu einer, in der gerade Orgel gespielt wird.

Damit können seit Anfang 2020 die meisten Module der Lehr-Lern-Gelegenheit auch mobil in den Schulen vor Ort und in einem wesentlich flexibleren Zeitrahmen angeboten werden. Dank dieser goAIX!-VR genannten Entwicklung konnte das Projekt schnell und umfassend auf die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus reagieren, indem das vorhandene VR-Setting vollständig ins Virtuelle übertragen wurde. Dadurch bedeutete die Umstellung von goAIX!-VR auf goAIX!-online auf technischer Ebene nur einen kleinen Schritt, der den organisatorischen und didaktischen Herausforderungen vorausging.

In einer Testphase wurde goAIX!-online mit zwei Lerngruppen der Jahrgangsstufe Neun, die von seit längerem mit uns kooperierenden Lehrkräften unterrichtet werden, erprobt, indem ein Modul gemeinsam mit den jeweiligen Lehrkräften als digitaler Fernunterricht mit jeweils der Hälfte der Lerngruppe zweimal durchgeführt wurde. Dazu ‚besuchten‘ die Lernenden zunächst eigenständig mithilfe der Virtual-Reality-Videos die historischen Orte, um ihre Bedeutung und Wirkung im Anschluss im virtuellen Seminarraum materialgestützt zu diskutieren. Wir baten die Lehrkräfte nach den Modulen, die trotz kleinerer technischer Komplikationen vollständig durchgeführt werden konnten, um kurze Rückmeldung.

In den wenigen Stunden, die ich meine Schüler sehe, ist es schwer, wirklich etwas Sinnvolles zu tun. Dann über einen gemeinsam besuchten Ort zu reden, kann ein sehr wertvoller Impuls zum historischen Lernen sein. Es ist ja schon etwas anderes, ob man eine Beschreibung liest, ein Bild anschaut oder eben ein Gebäude virtuell erkundet. Natürlich ist der Effekt ohne Virtual-Reality-Brille bei weitem weniger beeindruckend, aber für mich, und für die meisten Schüler und Schülerinnen wohl auch, war es etwas Neues, auf diese Weise Unterricht zu gestalten. Ich glaube, insbesondere als Abwechslung zu den vielen, vielen Arbeitsblättern tat das auch den Lernenden gut.

Lehrkraft zur Testphase von goAIX!-online

Es ist schwierig, die Schülerinnen und Schüler in der gegebenen Situation für ein Fach wie Geschichte zu motivieren, das sie im normalen Schulalltag oft schon nicht so spannend finden. Das Angebot von goAIX ist da eine Ergänzung, gerade für den so genannten Fernunterricht, aber auch darüber hinaus, die ich als Lehrkraft so nicht alleine leisten kann, und die die Schüler schon auf der technischen Ebene mehr anspricht.

Lehrkraft zur Testphase von goAIX!-online

 Insgesamt muss der didaktische Kerngehalt nachgeschärft werden, wenn es nicht bei bloßem "Histotainment" bleiben soll. Die weitgehend positive Rückmeldung von Seiten der schulischen Protagonisten ermutigte dennoch dazu, goAIX!-online anzubieten. Seit Ende April sind drei Module sowohl für Lerngruppen als auch für Einzelteilnehmende verfügbar, wobei das Angebot in den kommenden Wochen noch im Rückgriff auf Wünsche von Lehrkräften ergänzt werden wird. Insgesamt ist die Nachfrage noch überschaubar, aber so konstant und damit die Durchführung so erprobt, dass erste Studierende die Leitung von Modulen zum Teil übernehmen konnten.

Die auf virtuellen Exkursionen basierenden Module bieten damit in ihrer jetzigen Form bereits einen motivationalen Anreiz zur Auseinandersetzung mit gesellschaftswissenschaftlichen Themen für alle beteiligten Gruppen, was eine hervorragende Basis für die Schärfung des didaktischen Anspruchs insbesondere auf Seite der Vermittelnden darstellt.

  

Kristopher Muckel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet Didaktik der Gesellschaftswissenschaften der RWTHAachen und koordiniert neben seinem Dissertationsprojekt zu Digitalen Zeitungsarchiven die Lehr-Lern-Gelegenheit goAIX!.

Die beiden befragten Lehrkräfte unterrichten an einem Gymnasium im Kreis Heinsberg, die genannten Studierenden besuchen im Sommersemester 2020 das zur Lehr-Lern-Gelegenheit gehörende Seminar "Digitalisierung als Mittel der Inklusion? Ansätze digitalisierten Lernens am Beispiel des Projektes ‚goAIX! – historische Orte erforschen‘".