Transfer heißt Nachnutzbarkeit in neuen Kontexten – Wie das Projekt BiProfessional den Austausch von und über Lehrmaterial initiiert

Mit der Ausrichtung des Bielefelder Projekts auf die forschungsbasierte Entwicklung von Lehrkonzepten und -materialien geht ein spezifisches Transferverständnis einher: Die Nachnutzbarkeit der Projektergebnisse in neuen Lehrkontexten muss sichergestellt werden. Dafür wird ein Online-Portal entwickelt, das nicht nur wissenschaftlich fundierte Beiträge systematisiert, sondern auch dem kollaborativen Austausch zwischen allen Akteurinnen und Akteuren der Lehreraus-, fort- und -weiterbildung dient.

Ein junger Mann zeigt auf eine digitale Leinwand mit einer Präsentation

Die entwickelten Materialien können dank der Open-Access-Publikation von anderen Lehrenden in ihrer Lehrveranstaltung eingesetzt werden, wie hier ein Lernvideo zu Grundlagen der Methode Beobachtung.

© Julia Schweitzer

Von Julia Schweitzer, Martin Heinrich und Lilian Streblow

Für die Dissemination von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen gibt es etablierte Strukturen. So werden diese üblicherweise in Fachzeitschriften oder Sammelbänden publiziert und rezipiert. Dissemination von Wissen ist aber noch kein Transfer, vielmehr muss bei der Verbreitung auch die Ermöglichung der konkreten Nachnutzung immer schon mitgedacht werden. Im Bielefelder Projekt BiProfessional werden die Forschungsvorhaben konsequent als Forschungs- und Entwicklungsprojekte gedacht. Somit steht der Implementationsgedanke der forschungsbasiert entwickelten Lehrkonzepte und -materialien im Fokus. Die verfolgte Produktlogik zielt auf die Nachnutzbarkeit der Materialien in unterschiedlichen Kontexten. Ebenjene Möglichkeit zur Nachnutzung erfordert eine spezifische Gestaltung des Transfergegenstandes.

Der Ansatz in BiProfessional: Transfer als Verbindung zweier Logiken

In BiProfessional wurde ein Transferkonzept entwickelt, das sowohl dem gängigen Vorgehen im Sinne der Forschungslogik entspricht als auch neue leicht zugängliche Formen des phasenübergreifenden Austauschs von und über Lehrkonzepte und -materialien im Sinne der praktischen Nachnutzung eröffnet. Die Basis des Ansatzes bilden Open-Access-Zeitschriften, die neben Forschungsergebnissen auch konkrete Materialien für die Anwendung publizieren. So wird der etablierten Disseminationslogik von Wissenschaft entsprochen und gleichzeitig der Entwicklungsaspekt der Lehrpraxis in Schule und Hochschule mitgedacht.

Die Ausbaustufen des Online-Portals PortaBLe

Um der etablierten Wissenschaftslogik folgen und gleichzeitig die Entwicklungsaspekte ausreichend berücksichtigen zu können, wurden im Rahmen von BiProfessional drei Open-Access-Zeitschriften gegründet. "Die Zeitschriften ergänzen sich dahingehend, dass sie spezifische Bedarfe der unterschiedlichen Zielgruppen abdecken", erläutert der Projektleiter Martin Heinrich.

  • Die Double-Blind-Peer-Review-Zeitschrift "Herausforderung Lehrer*innenbildung - Zeitschrift zur Konzeption, Gestaltung und Diskussion (HLZ)" bietet unter anderem Lehrmaterialien auf unterschiedlichen Ebenen (Level 1-3) an – vom einzelnen Arbeitsblatt bis hin zu ganzen Veranstaltungskonzeptionen.
  • Die Zeitschrift "Die Materialwerkstatt – Zeitschrift für Konzepte und Arbeitsmaterialien für Lehrer*innenbildung und Unterricht (DiMawe)" eröffnet beispielsweise die Möglichkeit, geschlossene Themenhefte mit umfassenden Lehrmaterialien zu einem Themenschwerpunkt zu veröffentlichen.
  • Die Zeitschrift "PraxisForschungLehrer*innenBildung – Zeitschrift für Schul- und Professionsentwicklung (PFLB)" bietet den Ort für die Dokumentation praxisnaher Forschungs- und Entwicklungsprojekte.

Diese Zeitschriften sowie weitere Kooperationspartner bilden derzeit die Ausbaustufe I des Online-Portals PortaBLe. Im Sinne des Open-Access-Ansatzes stehen Forschungsergebnisse und (hochschul-) didaktische Materialien so kostenlos zur Verfügung.

Das Transferkonzept endet hier aber nicht. Denn die Ausbaustufe I ist nur der erste Entwicklungsschritt des Online-Portals. In der Ausbaustufe II werden im Sinne des Bielefelder Transfergedankens die Nachnutzbarkeit und die Austauschmöglichkeiten zwischen allen Akteurinnen und Akteuren der Lehrkräftebildung stärker adressiert. So stehen die Zeitschriftenbeiträge dann nicht mehr unverbunden nebeneinander. Denn auf Grundlage der Artikel entsteht ein nutzeroptimiertes Datenbank- und Kollaborationsportal. Bei dessen Gestaltung werden User Studies miteinbezogen, um die Nutzerinteressen ausreichend zu berücksichtigen. So wird es beispielsweise detaillierte Filterfunktionen und gegenstandsbezogene Hyperlinks geben. Im Sinne einer multiparadigmatischen Lehrerinnen- und Lehrerbildung sollen den Nutzenden zum Beispiel auch paradigmatisch unterschiedliche Zugänge im Online-Portal PortaBLe entsprechend präsentiert werden. Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn einem ethnographischen Zugang zum Beobachten im Praxissemester Beiträge mit einem Zugang der kodierenden Beobachtung gegenübergestellt werden. Die entwickelten Konzepte und Materialien der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" (QLB) werden so für die praktische Anwendung in Lehre, Unterricht und Fortbildung in aufbereiteter Form und mit der Option zum kommunikativen Austausch leicht zugänglich.

In der Ausbaustufe III werden PortaBLe und die dort verknüpften Zeitschriftenbeiträge und Materialien durch multimediale Tools und virtuelle Lernumgebungen ergänzt. Hier besteht eine enge Kooperation mit dem Bi*digital-Netzwerk sowie dem NRW-weiten QLB-Verbundprojekt ComeIn und dessen Planungen für ein Meta-Portal.

Transfer nicht nur in die Breite, sondern auch standortbezogen nachhaltig realisieren

BiProfessional setzt neben dem Transfer in die Breite auch auf eine nachhaltige Implementierung am Universitätsstandort. Dafür wurden im Rahmen der ersten Förderphase vier Forschungs- und Entwicklungszentren an der Bielefeld School of Education gegründet. In diesen Zentren werden die Projektergebnisse nachhaltig gebündelt und sie dienen als Anlaufstelle für alle Akteurinnen und Akteure der Bielefelder Lehrkräftebildung.

Darunter fällt auch eine weitere Transfer-Maßnahme: die Durchführung von sogenannten Materialwerkstätten. In diesen interdisziplinär und multiparadigmatisch geprägten Sitzungen diskutieren Kolleginnen und Kollegen anhand von konkretem Material gemeinsam über Lehre in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung und entwickeln die Lehrmaterialien weiter. Somit erfolgt hier in der konkreten Interaktion der Wissenstransfer im Sinne der Perspektivenvielfalt auf Lehre in der multiparadigmatischen Lehrkräftebildung.

 

Julia Schweitzer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bielefeld School of Education (BiSEd) im Zentrum Praxisreflexion sowie im Projekt BiProfessional mit Blick auf Öffentlichkeitsarbeit und Transfer. In ihrer Dissertation befasst sie sich mit der Reflexion von Hochschullehrenden über (ihre) Lehre in der Lehrkräftebildung und sich darin ausdrückenden Lehrvorstellungen.

Prof. Dr. Martin Heinrich ist gelernter Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch, Philosophie und Pädagogik, Professor für Schulentwicklung und Schulforschung an der Universität Bielefeld, Wissenschaftlicher Leiter der Versuchsschule Oberstufen-Kolleg sowie Projektleiter des Bielefelder QLB-Projekts "BiProfessional".

Dr. Lilian Streblow ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bielefeld School of Education (BiSEd) und Leiterin der Bereiche "Kompetenzentwicklung", "Qualitätssicherung", "Forschungsunterstützung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses" sowie stellvertretende Projektleiterin des Bielefelder QLB-Projekts "BiProfessional".