Kommentar: Heterogenität und Inklusion in der Lehrerbildung

Lehrervariablen im Kontext der inklusiven Bildung bzw. des Umgangs mit Heterogenität geraten seit dem Start der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ auch im deutschsprachigen Raum stärker in den Fokus. Die Herausforderungen von Heterogenität und Inklusion sind nicht neu, sie erhalten jedoch mit zunehmender Diversität der Schüler und stärker vielfaltsorientierten Schulangebotsformen – etwa der Gemeinschaftsschule und der inklusiven Schule – eine neue Qualität.

Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik

Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik ist Inhaberin der Professur für Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung/Inklusion und Mitglied des Auswahlgremiums der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung".

BMBF/Alexandra Roth

Ein Kommentar von Kerstin Merz-Atalik

Inklusive Pädagogik ist ein Ansatz, der individuelle Differenzen zwischen Lernenden berücksichtigt und gleichzeitig die Marginalisierung von einzelnen Lernenden und Lernergruppen vermeidet. Es geht nicht nur um Schülerinnen und Schüler, die einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf oder eine Behinderung aufweisen. Es geht vielmehr darum, Lernangebote zu individualisieren, besondere Bedürfnisse aller Lernenden zu erkennen, individuelle Förderung in sozialer Gemeinschaft zu ermöglichen  und dazu die Chancen der interdisziplinären Kooperation zu nutzen. Es gibt kein allgemeingültiges Konzept einer inklusiven Pädagogik. Inklusion sieht von Klassenzimmer zu Klassenzimmer unterschiedlich aus, je nachdem, welche Kinder und Jugendlichen man in der Klasse hat, welche Lernbedürfnisse, Kompetenzen und Stärken, aber auch welche personellen, professionellen und strukturellen Rahmenbedingungen für die Gestaltung von Lernumgebungen man antrifft. Nicht zuletzt ist die Umsetzung der Inklusion auch abhängig davon, welche Kompetenzen die Lehrkräfte haben, um mit den nicht vorhersehbaren Konditionen zu arbeiten.

Dieser Vielfalt der Herausforderungen widmen sich lehrerbildende Hochschulen – auch im Rahmen der Qualitätsoffensive – ebenfalls mit sehr unterschiedlichen Fokussierungen. Sie zielen auf unterschiedliche Diversitätsdimensionen ebenso wie auf die Erprobung neuer Lehrkonzepte. Auch die Erhöhung oder Vertiefung schulpraktischer Anteile, z. B. durch engere Zusammenarbeit mit Ausbildungsschulen, und neue Lehrmaterialien – etwa videobasierte Lehrmittel – können der Vermittlung der inklusiven Pädagogik förderlich sein. Es sei mir jedoch gestattet, auch einen kritischen Blick auf die Ansätze zu werfen. Ein rein quantitatives Mehr an Studienangeboten (gemessen in Kreditpunkten) oder Veranstaltungen (wie Konferenzen, Ringvorlesungen) zu der Thematik führt nicht mittelbar zu einer besseren Professionalisierung für die Gestaltung inklusiver Bildungsangebote. Lehrangebote zur inklusiven Bildung wären deutlich stärker systematisch zu konzipieren: Sie sollten alle Ebenen der Inklusionskompetenz adressieren (Einstellungen, kognitives Wissen und Handlungskonzepte), dialogische Prozesse mit den teilnehmenden Studierenden und Lehrenden fördern sowie aktuelle Praxiserfahrungen einbinden. Um die individuellen biografischen Zugänge und subjektiven Einstellungen zu reflektieren, bewusst und damit für Lernprozesse zugänglich zu machen, müssen (Ring)Vorlesungen durch andere hochschuldidaktische Seminarkonzepte begleitet werden.

Zudem bedarf es einer – über eine Koordination deutlich hinausgehende – Kooperation von Bildungswissenschaft, Fachwissenschaft und Fachdidaktik im Hinblick auf die Erweiterung von inklusiven schul- und unterrichtsbezogenen Handlungskonzepten und die damit zusammenhängenden Forschungsdesiderate zum Umgang mit Diversität. Nur wenn die neu entwickelten Modelle und Konzepte dauerhaft (personenunabhängig) auch strukturell und curricular verankert werden, können eine hinreichende Qualität, eine dauerhafte Evaluation der Effekte auf den Kompetenzzuwachs und die Nachhaltigkeit für die Ausbildungsstandorte gesichert werden.

Eine weitere Frage, die noch nicht an allen Standorten ausreichend fokussiert scheint, ist jene nach den Kompetenzen des lehrenden Personals an den Hochschulen. Die Professionalisierung der Hochschullehrenden im Kontext von inklusiver Bildung muss stärker berücksichtigt werden, um sowohl forschungsbasierte als auch erfahrungsgesättigte Lehre zu ermöglichen. Internationale Forschungserkenntnisse zu Lehrerkompetenzen für inklusive Bildung zeigen zudem auf, dass eigene schulpraktische Erfahrungen und konkrete Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderungen oder Migrationshintergrund bedeutsam sind, um die Haltung zu und die Selbstwirksamkeitserwartung im Umgang mit Diversität zu erhöhen. Die Einbindung von digitalen oder videobasierten Lernangeboten erscheint so als ein erster Schritt, diese müssen jedoch durch praxisnahe Formate und Konzepte angereichert werden, damit sich die Lehramtsstudierenden selbst als Akteure in inklusionsorientierten Schul- und Unterrichtssituationen erleben und ihre eigenen (inklusiven) Handlungen theoriegeleitet kritisch reflektieren können.

Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik ist Inhaberin der Professur für Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung/Inklusion an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und Mitglied des Auswahlgremiums der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung".