Sport in der Schule – ein Fach mit Körper, Persönlichkeit und sozialem Miteinander. Das Projekt "Schulsport2030" der Deutschen Sporthochschule Köln stellt sich vor.

Das Lehramt Sport wird an über 40 deutschen Universitäten angeboten. Allein in NRW unterrichten über 33.000 Sportlehrkräfte. Hinter Deutsch, Mathematik und Englisch besitzt Sport damit die viertgrößte Anzahl an Lehrbefähigungen. Neben diesen Zahlen betonen Sportministerkonferenzen, Deutscher Olympischer Sportbund oder der Sportlehrerverband den besonderen Beitrag des Schulsports für eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung sowie für sozialen Rückhalt, Integration und Inklusion.

Kinder im Sportunterricht – der deutsche Schulsport leistet Beiträge für eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung, sozialen Rückhalt, Integration und Inklusion.

Kinder im Sportunterricht – der Schulsport in Deutschland leistet Beiträge für eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung, sozialen Rückhalt, Integration und Inklusion.

© LSB NRW/Bowinkelmann

Von Jens Kleinert, Thomas Abel, Fabienne Bartsch, Petra Guardiera, Fabian Pels, Bettina Rulofs und Julia Wolf

Die Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS) ist in der Bildung von Sportlehrerinnen und Sportlehrern bundes- und landesweit einzigartig. Jede sechste Sportlehrkraft in Deutschland und mehr als die Hälfte aus Nordrhein-Westfalen (NRW) wurde an der DSHS ausgebildet. Fast 2000 Lehramtsstudierende werden an der DSHS Köln an 19 Instituten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen im Schulfach Sport vorbereitet.

An der DSHS Köln kann das Fach Sport für alle fünf Lehramtsstudiengänge sowie Bildungswissenschaften für die Lehramtsstudiengänge Gymnasium/Gesamtschule (Gy/Ge) studiert werden. Hierzu kooperiert die DSHS Köln mit den Universitäten zu Köln und Siegen, an denen die Lehramtsstudierenden ihre weiteren Fächer beziehungsweise Bildungswissenschaften (Grundschule, Haupt-, Real-, Sekundar – und Gesamtschule, Berufskolleg) studieren. Die Veranstaltungen des Lehramtsstudiums sind speziell auf Lehramtsstudierende ausgerichtet. Fachwissenschaftliche, bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Studienanteile sind miteinander verzahnt.

Die Lehrkräftebildung an der DSHS Köln hat in den letzten Jahren noch an Bedeutung gewonnen. Dies zeigen nicht nur die Beteiligung an der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" (QLB), sondern auch verschiedene Projekte im Bereich Digitalisierung (zum Beispiel das NRW-weite Verbundprojekt der Qualitätsoffensive ComeIn oder Curriculum 4.0, das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Kooperation mit dem Stifterverband und der Digitalen Hochschule NRW gefördert wird).

Das Unterrichtsfach Sport

Dem Fach Sport kommt bei der Initiierung von Bildungsprozessen eine Sonderrolle zu, denn durch die immanente Körperlichkeit des Faches ist der Sportunterricht kaum vergleichbar mit anderen Schulfächern. Die einzigartige Körperorientierung des Schulsports verlangt demnach die Ausbildung spezifischer pädagogisch und fachdidaktischer Fähigkeiten, sodass zukünftige Sportlehrkräfte dem Doppelauftrag des Fachs zur "Erziehung zum Sport" und der "Erziehung durch Sport" nachkommen können.

Der Stellenwert des Unterrichtsfaches zeigt sich auch auf struktureller Ebene: Der Sportunterricht ist in allen Schulformen essentieller Bestandteil des Fächerkanons und stellt das einzige Fach dar, das als Pflichtfach durchgängig von Klasse 1 bis zum Abitur unterrichtet wird. Daneben fördern Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote im nachmittäglichen Ganztag zusätzlich die Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Thematische Ausrichtung des QLB-Projekts Schulsport2030

Das QLB-Projekt Schulsport2030 (und sein Vorgängerprojekt Schulsport2020) greift drei bedeutsame gesellschaftliche Entwicklungen im Kontext von Schulsport und Sportlehrkräftebildung auf, nämlich Heterogenität/Inklusion, Bewegungsmotivation/Bewegungsförderung und Sportlehrkräftestress. Alle drei Themen werden zudem vor dem Hintergrund von Digitalisierung betrachtet.

Umgang mit Heterogenität und Förderung von Inklusion

Wie die anderen Schulfächer steht der Sportunterricht vor der Aufgabe, das Recht auf inklusive Bildung einzulösen und die gleichberechtigte Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler mit ihren vielfältigen Merkmalen zu ermöglichen. Dabei ist hervorzuheben, dass das Fach Sport auch hier im Vergleich zu anderen Fächern von besonderen Charakteristika geprägt ist und dadurch hohe Anforderungen an Lehrkräfte in Bezug auf den Umgang mit inklusiven und heterogenen Lerngruppen stellt. Zwar dürfen dem Sportunterricht durch seine interaktive und körperzentrierte Ausrichtung besondere Potenziale für die Anbahnung inklusiver Prozesse zugeschrieben werden, gleichzeitig beinhalten diese Bedingungen die Möglichkeit, dass Formen der Exklusion und Diskriminierung im Fach Sport verschärft auftreten.

Hier setzt das Teilprojekt "Umgang mit Heterogenität und Förderung von Inklusion" an, das darauf zielt, (angehenden) Sportlehrkräften Kompetenzen für das Unterrichten vielfältiger Lerngruppen zu vermitteln, um den Ansprüchen eines inklusiven Sportunterrichts gerecht zu werden. Grundlegend ist dabei ein breites Inklusionsverständnis, das sich nicht nur auf das gemeinsame Unterrichten von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung bezieht, sondern auf jegliche Dimensionen von Heterogenität, die im sportunterrichtlichen Kontext von Relevanz sind.

Damit (angehende) Lehrkräfte den Sportunterricht so gestalten können, dass alle Heranwachsenden teilhaben können, werden im Teilprojekt wissenschaftliche Untersuchungen mit Studierenden, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern durchgeführt, um auf dieser Basis Lehr- und Lernmaterialien zu entwickeln. Diese Materialien, die unter anderem den Umgang mit verschiedenen Unterstützungsbedarfen und geflüchteten Schülerinnen und Schülern im Sportunterricht in den Blick nehmen, sollen sowohl angehenden als auch im Beruf stehenden Sportlehrkräften Impulse für die Umsetzungen eines inklusiven Unterrichts geben.

Personen zu Fuß und im Rollstuhl spielen in einer Turnhalle Basketball

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "1. Kölner Tag des Schulsports" im Workshop "Gemeinsames Lernen am Beispiel der Sportart Basketball"

© Deutsche Sporthochschule Köln/Lena Overbeck

Bewegungsmotivation und Bewegungsförderung

Ein immer noch großer Teil der Kinder und Jugendlichen bewegt sich zu wenig oder ist zu wenig körperlich aktiv. Das liegt gleichermaßen an mangelnden Gelegenheiten wie auch an mangelnder Motivation. Daher geht es im Teilprojekt "Bewegungsmotivation und Bewegungsförderung" darum, den Sportunterricht so zu gestalten, dass die Freude an körperlicher Aktivität gesteigert und langfristig ein aktiver Lebensstil gefördert wird. Forschung und Praxishinweise des Teilprojekts sollen Sportlehrkräften helfen, Motivationslagen richtig zu erkennen und gezielt zu beeinflussen, sei es durch Unterrichtsinhalte oder eigenes Handeln. Hierzu werden zum Beispiel spezifische Befragungsinstrumente und Beobachtungsinstrumente entwickelt, welche Aufschluss über die Motivation von Schülerinnen und Schülern im Sportunterricht liefern können. Zudem bilden Handreichungen und Lehr-/Lernmodule das Thema Motivation nicht nur für das Studium, sondern auch für die zweite und dritte Phase der Lehrkräftebildung ab. Sportlehramtsstudierende und Sportlehrkräfte sollen so erfahren, wie sie die Sport- und Bewegungsmotivation von Schülerinnen und Schülern erhöhen können.

Umgang mit Stress bei Sportlehrkräften

Aufgaben, die mit den Bereichen Heterogenität/Inklusion sowie Bewegungsmotivation/Bewegungsförderung verbunden sind, stellen spezifische Anforderungen an Sportlehrkräfte dar. Im Projekt Schulsport2030 konnte durch eine systematische Forschungsübersicht im Teilprojekt "Umgang mit Sportlehrer*innenstress" gezeigt werden, dass weitere Anforderungen durch das Curriculum, oftmals unzureichende räumlich-materielle Unterrichtsvoraussetzungen und Disziplinprobleme der Schülerinnen und Schüler gestellt werden – daher erleben Lehrkräfte den Sportunterricht häufig als stressreich wie Studien im Projekt Schulsport2030 beziehungsweise Schulsport2020 zeigen konnten. Hiervon sind jüngere Sportlehrkräfte (zum Beispiel im Vorbereitungsdienst) mehr betroffen als erfahrene. Deshalb müssen (angehende) Sportlehrkräfte bereits im Studium auf den Umgang mit Stress vorbereitet werden. Ziel von Schulsport2030 ist es daher, Lehr-/Lernwerkzeuge zum Umgang mit Stress zu entwickeln, die in der universitären Lehre, aber auch in der Fort- und Weiterbildung eingesetzt werden können. Zu diesen Lehr-/Lernwerkzeugen gehören stressdiagnostische Instrumente zur Selbstreflexion und Übungen zum Umgang mit Stress. Ein Beispiel ist das "Stresslabor", ein videobasiertes Lehr-/Lernkonzept mit realen Unterrichtsszenen, durch das Techniken zum Umgang mit Stress ausprobiert und trainiert werden.

Erreichtes und weitere Vernetzung

Die Projekte Schulsport2020 und Schulsport2030 konnten in verschiedener Hinsicht Impulse setzen und Veränderungen anstoßen. In den drei Themenbereichen Heterogenität/Inklusion, Bewegungsmotivation/Bewegungsförderung und Sportlehrkräftestress konnten Forschungserkenntnisse gewonnen und aufbauend hierauf erste Lehr-Lern-Werkzeuge entwickelt werden. Durch Vernetzung und universitäre Kooperationen (insbesondere mit den Universitäten Kiel und Leipzig) ist die Grundlage für weiteren Transfer gegeben. Digitale Produkte werden außerdem im Laufe des Sommers durch ein schulsportspezifisches Bildungsportal "Schulsport2030" systematisiert und verfügbar gemacht.

Projektgesamtgruppe "Schulsport2030" (v.l.n.r.): Fabienne Bartsch, Lena Gringmuth, Dr. Fabian Pels, Prof. Dr. Heike Tiemann, Prof. Dr. Britta Fischer, Teresa Schkade, Till Stankewitz, Anna Hollinger, Dr. Alina Schäfer, Michael Fahlenbock, Dr. Birte von Haaren-Mack, Prof. Dr. Manfred Wegner, Ulrike Hartmann, Prof. Dr. Jens Kleinert, Prof. Dr. Thomas Abel (fehlend: Dr. Petra Guardiera, Dr. Helga Leineweber, Prof. Dr. Bettina Rulofs, Julia Wolf)

Projektgesamtgruppe "Schulsport2030" (v.l.n.r.): Fabienne Bartsch, Lena Gringmuth, Dr. Fabian Pels, Prof. Dr. Heike Tiemann, Prof. Dr. Britta Fischer, Teresa Schkade, Till Stankewitz, Anna Hollinger, Dr. Alina Schäfer, Michael Fahlenbock, Dr. Birte von Haaren-Mack, Prof. Dr. Manfred Wegner, Ulrike Hartmann, Prof. Dr. Jens Kleinert, Prof. Dr. Thomas Abel (fehlend: Dr. Petra Guardiera, Dr. Helga Leineweber, Prof. Dr. Bettina Rulofs, Julia Wolf)

© Deutsche Sporthochschule Köln



Jens Kleinert ist Professor für Sport- und Gesundheitspsychologie und Leiter des Projekts Schulsport2030 an der Deutsche Sporthochschule Köln. Seit 2014 ist er zudem Prorektor für Studium und Lehre an der DSHS. Seine Arbeitsschwerpunkte beziehen sich auf die Erforschung von Motivation, Emotionen, Stress und Beziehungen in Gruppen.

Thomas Abel ist Professor für Paralympischen Sport und Mitglied des Teilprojekts "Umgang mit Heterogenität und Förderung von Inklusion" des Projekts Schulsport2030. Sein Lehr- und Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich des Sports von Menschen mit Behinderung.

Fabienne Bartsch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Projekt Schulsport2030. In der Forschung beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit dem Umgang mit Heterogenität und der Förderung von Inklusion im Schulsport. In diesem thematischen Rahmen ist auch ihr Dissertationsprojekt angesiedelt, das den Schulsport im Kontext von Flucht und Migration fokussiert.

Dr. Fabian Pels ist Studienrat am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln und Leiter des Teilprojektes "Umgang mit Sportlehrer*innenstress" im Gesamtprojekt Schulsport2030. Seine Forschungsschwerpunkte sind Stress, Emotion und Gruppendynamik.

Dr. Petra Guardiera ist seit 2008 als Mitarbeiterin am Institut für Sportdidaktik und Schulsport beschäftigt. Im Rahmen des Projektes Schulsport2030 arbeitet sie im Teilprojekt "Umgang mit Heterogenität und Förderung von Inklusion". Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Sportlehrkräftebildung sowie der Schulsport- und Professionalisierungsforschung.

Bettina Rulofs ist seit 2019 Professorin für Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal und war zuvor als Akademische Rätin an der Deutschen Sporthochschule Köln tätig. Im Projekt Schulsport2030 ist sie Mitglied des Teilprojekts "Umgang mit Heterogenität und Förderung von Inklusion". Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gender- und Diversitätsforschung, Kinderschutz und Gewaltprävention im Sport.

Julia Wolf ist seit 2016 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut (Abteilung Gesundheit & Sozialpsychologie) beschäftigt. Sie arbeitet als Projektkoordinatorin im Schulsport2030-Projekt und ist Mitglied des Teilprojekts "Motivation und Bewegungsförderung". Ihren Forschungsschwerpunkt stellt die Motivationsforschung im Kontext Schulsport dar.