Schulpraxis trotz Corona: Das Projekt K2teach geht an der FU Berlin digitale Wege

Digitale Lehre war für einen Teil der Hochschuldozierenden vor Monaten sicherlich noch unergründetes Neuland. Inzwischen hat sich viel an den deutschen Universitäten getan. Die Freie Universität Berlin zeigt im Projekt K2teach, dass Praxisseminare in einem Lehr-Lern-Labor, in dem Studierende normalerweise in direktem Kontakt mit Schülerinnen und Schülern Praxiserfahrungen sammeln, trotz Kontaktbeschränkungen zu Zeiten der Corona-Pandemie auf digitalem Wege möglich sind.

Teilnehmende des digitalisierten LLLS im Bachelor-Studiengang Physik

Teilnehmende des digitalisierten LLLS im Bachelor-Studiengang Physik

© Dohrmann

Von Volkhard Nordmeier, René Dohrmann, Christine Meissner und Christiane Klempin

In verschiedenen Fachdidaktikmodulen wird an der Freien Universität Berlin seit Beginn der Qualitätsoffensive im Projekt K2teach mit der Lehrveranstaltungs­form "Lehr-Lern-Labor-Seminar" (LLLS) darauf abgezielt, Lehramtsstudierenden frühe Praxiserfahrung zu ermöglichen, Rollenwechsel hin zur Lehrperson einzuleiten und einen reflektierten und theoriegeleiteten Blick auf die Schulpraxis zu etablieren. Darüber hinaus wird die Wichtigkeit und Relevanz theoretischen Wis­sens für die Unterrichtspraxis für die Studentinnen und Studenten unmittelbar erkenn- und erfahrbar. Doch insbesondere in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln stellt die Umsetzung dieses Kernelements alle Beteiligten vor große Herausforderungen und erfordert kreative Lösungsvorschläge.

Live-Wordcloud in der letzten Sitzung des digitalisierten LLLS im BB-Studiengang Physik

Live-Wordcloud in der letzten Sitzung des digitalisierten LLLS im BB-Studiengang Physik

©  Dohrmann

So starteten einige Englischlehramtsstudierende vorerst mit offenbar eher geringen Erwartungen in das Berliner digitale ‚Kreativsemester‘. Für manche konnte der erste Eindruck im Zuge der Teilnahme am Virtual Teaching Lab, der digitalisierten Variante des Lehr-Lern-Labor-Seminars, jedoch durchaus ins Positive gewendet werden. Online-Lehre scheint Spaß zu machen – gerade weil sie Flexibilität schafft.

Hätte nicht gedacht, dass der Kurs digital doch so gut funktioniert insgesamt. Die höhere Dichte an Aufgaben ist allerdings natürlich herausfordernd.
 

Englischlehramtsstudierende/r zur ‚Halbzeit‘ des digitalisierten Lehr-Lern-Labor-Seminars

Bei der Digitalisierung des Lehr-Lern-Labor-Seminars im Fach Physik wurden zwei Wege eingeschlagen, um den Studierenden trotz der Kontaktbeschränkungen eine Praxiserfahrung zu ermöglichen. Dabei wurde im bereits erfolgreich durchgeführten Lehr-Lern-Labor-Seminar für Bachelor-Studierende auf eine erneute  Zusammenarbeit mit dem Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Potsdam gesetzt. Die Studierenden konzipierten im Verlauf der Online-Veranstaltung Lernaufgaben, die wiederum während verschiedener Online-Sessions in Kleingruppen mit den Schülerinnen und Schülern (Klassen 7 und 11) besprochen und deren Lernprodukte in der darauffolgenden Woche im selben Setting diskutiert wurden. Im derzeit laufenden Lehr-Lern-Labor-Seminar für Master-Studierende werden onlinebasierte Lernumgebungen zum Thema "Das Klima und ich – Die Klimakrise verstehen und angemessen handeln" entwickelt, die im Rahmen der "SommerUni" für interessierte Kinder und Jugendliche in die digitale Praxis umgesetzt werden.

Der Rollentausch vom Studierenden zum Lehrenden zeigte, wo die Schwierigkeiten in der digitalen Lehre liegen, da hab ich dazugelernt.
 

Physiklehramtsstudierende/r nach Beendigung des digitalisierten Lehr-Lern-Labor-Seminars

Die virtuellen Praxisseminare der Freien Universität Berlin wagen damit den Schritt in die Digitalisierung, ohne dabei ihr bewährtes Prinzip aus den Augen zu verlieren. Lehramtsstudierende sollen auch im virtuellen Lehr-Lern-Labor-Seminar fachdidaktische Theorien kennenlernen und Kurzunterrichtseinheiten planen, um diese – wie gewohnt – mit Schülerinnen und Schülern ausprobieren und ihre Unterrichtserfahrungen anschließend mit den Dozierenden reflektieren zu können. Die Idee dahinter: Die Lernangebote der Studierenden sollen die unter großer Arbeitslast und enormer gesellschaftlicher Verantwortung stehenden Lehrkräfte punktuell bei der Planung und Gestaltung von Unterrichtsformaten entlasten. Gleichzeitig bieten virtuelle Lehr-Lern-Labor-Seminare unseren Studierenden Möglichkeiten, Unterricht ‚am eigenen Leib‘ zu erfahren – unter Beachtung der gebotenen Kontaktbeschränkungen.

Sollte es einmal nicht möglich sein, eine Kooperationsschule bzw. -klasse für das Angebot gewinnen zu können, da viele Lehrkräfte momentan aufgrund großer Planungsunsicherheiten nur vorsichtig Zusagen machen, bietet Microteaching eine vielversprechende Alternative. Dafür braucht es keinerlei Kooperation mit Schulen, engagierten Lehrkräften oder motivierten Schulklassen. Alles, was dafür benötigt wird, sind die angehenden Lehrkräfte selbst sowie ein wenig Vorstellungskraft und Kreativität. Dabei müssen sich die Studierenden nicht nur in die Rolle der Lehrperson, sondern auch in die der Lernenden hineinversetzen und entsprechend handeln. Dies erfordert neben Vorstellungsvermögen auch schauspielerische und improvisatorische Fähigkeiten, die ebenso zum Repertoire einer guten Lehrkraft gehören.

Für die Schüler*innen ist es eine tolle Erfahrung, die insbesondere zur Corona-Zeit eine konstruktive Möglichkeit digitalisierten Unterrichts aufzeigt. Wir sind gerne wieder dabei!
 

Falko Brademann, Fachbereichsleiter Physik, B.-v.-Suttner-Gymnasium Potsdam

Um solchen Unterrichtssimulationen eine digitale Plattform zu bieten, eignen sich so genannte Breakout Rooms (virtuelle Nebenräume zum Beispiel in Webex Teams, Microsoft Teams), die es im Zuge einer Videokonferenz ermöglichen, einen authentischen Austausch zwischen den Studierenden zu gewährleisten. Mit weiteren digitalen Tools wie beispielsweise dem Mentimeter (siehe Abbildung) oder Miro, einer online-basierten Plattform zur gemeinsamen Erstellung von Mind-Maps, können sich Dozierende mit ihren Studierenden über Sachverhalte austauschen sowie gegenseitiges Feedback einholen.

Der Erfolg digitalen Lehrens und Lernens ist dabei entscheidend von den Einstellungen der Dozierenden gegenüber digitalen Medien abhängig. Fehlt die Bereitschaft, sich darauf einzulassen und bisher Unbekanntes auszuprobieren, dann werden wichtige Chancen im Hinblick auf weitere Digitalisierungsschritte vertan.

Das digitale Sommersemester eröffnet somit Kommunikationswege und online-basierte Möglichkeiten, die zuvor eher randständig und oft nicht in vollem Umfang genutzt wurden. Es zeigt zudem, dass mit Kreativität, Kooperation und entsprechendem Willen innerhalb von nur wenigen Wochen ein großer und notwendiger Schritt in Richtung der Digitalisierung der universitären Lehre unternommen wurde und macht Mut, auch in Zukunft analogen Herausforderungen mit digitalen Mitteln erfolgreich zu begegnen.

  

Prof. Dr. Volkhard Nordmeier ist Projektleiter des Projektes "K2teach-Know how to teach" an der Freien Universität Berlin. Dr. Christiane Klempin ist in selbigem Projekt die wissenschaftliche Gesamtkoordinatorin. In der Physikdidaktik (Teilprojekt: Lehr-Lern-Labore) sind Dr. Renè Dohrmann Teilprojektleiter und Christine Meißner wissenschaftliche Mitarbeiterin.