Schule der Zukunft – wie an der Universitätsschule Dresden moderne Lehr- und Lernmethoden erforscht werden

Die Dresdner Universitätsschule ist eine Versuchsschule, an der innovative Formen des Lehrens, Lernens und Zusammenlebens aller Schülerinnen und Schüler erarbeitet und erprobt werden. Durch die direkte Verbindung mit der Forschung und Lehramtsausbildung an der Technischen Universität Dresden sollen Lehrkräfte stärker als bisher auf die neuen Herausforderungen von Schule vorbereitet werden können. Prof. Dr. Anke Langner leitet die wissenschaftliche Begleitung des Modellversuchs.

mehrere Schülerinnen und Schüler stehen um einen Tisch herum und betrachten einen Laptop; Foto: Michael Kretzschmar

Schüler*innen im Lernprozess an der Universitätsschule Dresden

© Michael Kretzschmar

Von Anke Langner

Die Universitätsschule Dresden entstand in der Tradition der Laboratory Schools und im Kontext eines veränderten Diskurses der empirischen Bildungsforschung, die sich als stärker gestaltende verstehen will. Die Idee und auch der Wunsch hinter diesen Schulversuchen ist es, komplexe Prozesse wie Lernen und Entwicklung unter den institutionellen Bedingungen von Schule sowohl zu verstehen als auch evidenzbasiert gestalten zu können und somit einen Transfer von Wissenschaft in Praxis vollziehen zu können. Durch die Änderung des sächsischen Schulgesetzes (§15) war es möglich, dass eine Universität einen Schulversuch in öffentlicher Trägerschaft beantragen konnte.

Studierende frühzeitig in die Konzeptgestaltung einbinden

Stringent die Umsetzung dieses Schulversuchs zu verfolgen, war zudem sehr stark durch die Lehrer*innenbildung an der Technischen Universität (TU) Dresden motiviert. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, davon abgeleitete Empfehlungen für die Praxis und die schulischen Erfahrungen in Praktika und schulpraktischen Übungen (SPÜ) der Studierenden standen und stehen sich diametral gegenüber. Die Zweifel der Studierenden über die Umsetzbarkeit wissenschaftlicher Theorien wurden lauter und somit zu einem Motivator, eine Schule auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zunächst konzeptionell zu schaffen, indem Studierende frühzeitig durch Zukunftswerkstätten in die Konzeptgestaltung mit eingebunden waren. Auch gegenwärtig ist das Schulkonzept und dessen Ausgestaltung immer wieder Bestandteil von Seminaren. Derzeit, in der Phase des Aufbaus, sind nur vereinzelt Studierende über Praktika und SPÜ in die Gestaltung der Universitätsschule Dresden eingebunden. 

Das "Real-Labor" Universitätsschule Dresden in Fakten

Gestartet ist das "Real-Labor" mit dem Schuljahr 2019/2020. Momentan besuchen 200 Schüler*innen des 1., 2., 3 und 5. Jahrgangs die Schule, die aus einer Grund- und Oberschule besteht. Die Schule wird auf ca. 750 Schüler*innen aufwachsen. Aktuell werden die Schüler*innen in ihrem Lernen von rund 20 Pädagog*innen begleitet. Ausgestattet ist die Schule mit der gleichen Anzahl von Lehrer*innen wie andere öffentliche Schulen in Dresden ohne Berechnung eines gebundenen Ganztags. Im Grundschulbereich wird das Team durch Erzieher*innen ergänzt. Hier steht der Schule aktuell weniger Personal zur Verfügung als in vergleichbaren Ganztagseinrichtungen.

Die Universitätsschule ist in den bereitgestellten Ressourcen in keinem Aspekt besser gestellt als vergleichbare Schulen. Dies stellt einen Schulversuch, der mit zahlreichen Konventionen in der Schulorganisation bricht, vor große Herausforderungen, die besonders in der Anfangsphase zu bewältigen sind. Die Schule wird finanziert wie jede andere öffentliche Schule zum Teil durch das Land und zu bestimmten Teilen durch die Kommune. Die Entwicklung der Lern- und Schulmanagement-Software wird finanziert aus Drittmitteln, eingeworben von der TÜV Süd Stiftung.

Es ist höchste Zeit, dass wir es schaffen Schule ausgehend von der individuellen Entwicklung eines jeden Schülers/ einer jeden Schülerin und auf kooperative Lernprozesse abzielend, zu organsieren.

Prof. Dr. Anke Langner

Besondere Anforderungen an die Schulorganisation

Ausgangspunkt für das Schulkonzept war die Feststellung, dass die Ermöglichung von individuellen Entwicklungsverläufen in kooperativen Lernprozessen in Schule nicht nur aus Perspektive der Unterrichts- und Professionsentwicklung an ihre Grenzen kommt, sondern vor allem auch aufgrund der schulorganisatorischen Möglichkeiten. In dem Schulversuch lernen die Schüler*innen hauptsächlich in Projekten, sowohl kooperativ als auch in einem selbstgesteuerten Lernprozess.

Damit dies möglich ist, muss unter anderem die Schulorganisation, beispielsweise die Verfügbarkeit bestimmter Lernbegleiter*innen und des Raums, aber auch die Projektgruppe koordiniert werden. Auf der Basis der durch Schüler*innen und Lernbegleiter*innen eingegeben Daten zum geplanten Lernprozess wird zukünftig der Stundenplan erstellt. Um individuelle Entwicklungswege zu ermöglichen, bedarf es einer hohen Transparenz und Nachvollziehbarkeit über den jeweiligen Lernprozess der Schüler*innen, auch dies erfolgt in dieser Schule digital gestützt. Dafür wurde eine Lern- und Schulmanagement-Software entwickelt, welche ständig weiter angepasst wird. Die Schüler*innen und Lehrer*innen verfügen über ein Notebook mit dessen Hilfe dokumentiert und geplant wird. Mit diesem Werkzeug findet aber nicht das Lernen selbst statt und es ersetzt auch keine Realität durch Virtualität.

Ein gestaltungsorientierter Forschungsansatz ermöglicht die Bearbeitung vielfältiger Fragestellungen

Durch die Nutzung einer solchen Software werden eine Vielzahl von Daten zum Lernprozess verarbeitet und stehen, im Sinne des Schulversuchs, der TU Dresden zur Verfügung. Diese Daten und die Art dieses "Real-Labors" (theoretische und konzeptionelle Überlegungen) sind für das Forschungskonzept an der Universitätsschule leitend. Basierend auf einem gestaltungsorientierten Forschungsansatz nach Euler und Sloane (2014) und einem Mixed-Methods-Design nach Brake (2011) bewegen sich die Fragestellungen sowohl im Bereich der Schul(organisations)- und Unterrichtsforschung, als auch im Bereich der Entwicklungs- und Kompetenzforschung der Schüler*innen sowie der Professionalisierungsforschung von Pädagog*innen. Zudem ermöglicht die Datensituation neue Fragestellungen in der Bildungsforschung beispielsweise wie und ob KI-Anwendungen den pädagogischen Prozess unterstützen können, ohne Menschen auf triviale Maschinen zu reduzieren.



Prof. Dr. Anke Langner ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Inklusive Bildung an der Technischen Universität Dresden und leitet das Forschungsprojekt „Universitätsschule Dresden“. Sie verantwortet das Konzept des Schulversuchs und die wissenschaftliche Begleitung des Umsetzungsprozesses.