Projektvorstellung: U.EDU unterstützt die Professionalisierung von Lehrkräften beim Lehren und Lernen mit digitalen Medien

Digitalisierung wird zu einer zentralen Herausforderung in der Lehrerbildung. Im Projekt „Unified Education: Medienbildung entlang der Lehrerbildungskette (U.EDU)“ arbeiten Dr. Claudia Gómez Tutor, U.EDU-Koordinatorin und geschäftsführende Beauftragte des Zentrums für Lehrerbildung der TU Kaiserslautern und Prof. Dr. Jochen Kuhn, wissenschaftlicher Leiter des Projekts, an der Frage, wie die Professionalisierung von Lehrkräften beim Lehren und Lernen mit digitalen Medien unterstützt werden kann.

Dr. Claudia Gómez Tutor und Prof. Dr. Jochen Kuhn

Im Projekt „Unified Education: Medienbildung entlang der Lehrerbildungskette“ erproben Prof. Dr. Jochen Kuhn und Dr. Claudia Gómez Tutor an der TU Kaiserslautern Ansätze, wie die Professionalisierung von Lehrkräften beim Lehren und Lernen mit digitalen Medien unterstützt werden kann.

Technische Universität Kaiserslautern/AG Kuhn

Welche Rolle kommt der Lehrerbildung in einer mediatisierten Gesellschaft und Arbeitswelt zu und welche konkreten Anforderungen stellt dies heute und künftig an die Ausbildung von Lehrkräften?

Kuhn: Unsere Gesellschaft wird zusehends damit konfrontiert, das analoge Leben mit digitalen Hilfsmitteln zu bestreiten. Der Bildung von Lehrkräften kommt die wesentliche Aufgabe zu, die zukünftige Generation zu befähigen, Kommunikations- und Informationstechnologien zu verwenden, aber auch deren Grenzen und Risiken einzuschätzen, um mit digitalen Medien umgehen zu können. Damit Medienbildung in einer digitalisierten Welt gelingt, ist die Ausstattung der Bildungseinrichtungen eine notwendige, aber bei weitem keine hinreichende Voraussetzung. Entscheidend ist die Medienkompetenz der Lehrkräfte selbst.

Gómez Tutor: Lehrerinnen und Lehrer fungieren im Bereich der Medienbildung als Mediatoren und Multiplikatoren. Um auf kommende Herausforderungen unserer Gesellschaft und Arbeitswelt reagieren zu können, ist es wichtig, dass sie digitale Medien nicht nur als Werkzeug nutzen. Lehrkräfte müssen einen kritisch-reflexiven Umgang, eine aktive Auseinandersetzung und kreative Nutzung mit digitalen Medien erfahren, um Unterricht gestalten und ihr Wissen an Schülerinnen und Schüler weitergeben zu können.

Student vor einem Computer

Mithilfe des Eye-Tracking-Verfahrens wird die Interaktion zwischen dem antizipierenden Physikschulbuch und den Lernenden gemessen.

Technische Universität Kaiserslautern/AG Kuhn

Welche Möglichkeiten haben sich durch die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ (QLB) für die Technische Universität Kaiserslautern ergeben, um diese Herausforderungen anzugehen?

Gómez Tutor: Die Digitalisierung und das Lehren und Lernen mit digitalen Medien ist an der TU Kaiserslautern schon lange ein wichtiges Thema. Durch die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ konnten wir vorhandene Projekte weiterentwickeln und das Thema interdisziplinär in einer neuen Breite diskutieren. Die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ermöglichte es, proaktiv zukunftsweisende Technologien zu erproben. Im Teilprojekt „HyperMind“ wurde zum Beispiel ein antizipierendes Physikschulbuch entwickelt.

U.EDU entwickelt Pro­fes­sional­isie­rungs­­konzepte zum Le­hren und Ler­nen mit digita­len Me­dien für alle Pha­sen der Lehrerbildung. Wie und durch welche Maßnahmen wird dies konkret umgesetzt?

Kuhn: U.EDU arbeitet in drei unterschiedlichen, sich ergänzenden Arbeitsfeldern, in denen wir erfolgreiche Lehr-Lern-Konzepte entwickeln und diese in der Lehramtsausbildung und Lehrerfortbildung erproben, integrieren und deren Effektivität untersuchen.

Im Arbeitsfeld „Unterrichtskonzepte“ steht die Entwicklung, Implementierung und Erforschung von interdisziplinären Konzepten zum Lehren und Lernen mit digitalen Medien und deren Erprobung im Unterricht im Fokus. Die Konzepte und Methoden werden im Rahmen der fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Lehre von Lehramtsstudierenden elaboriert, in Lehrkonzepte transferiert und im Rahmen von Unterrichtsminiaturen/-sequenzen mit Schülerinnen und Schülern erprobt. Begleitend werden empirische Untersuchungen aus technologischer, kognitionspsychologischer und pädagogischer Perspektive zur Effektivität der Verwendung von Medien durchgeführt. Ein Beispiel ist das Teilprojekt „In 80 Minuten um die Welt“, das als außerschulischer Lernort im botanischen Garten der Universität stattfindet, wobei die Lernenden durch eine eigens für das Projekt programmierte Lernapplikation (App) durch die Lernstationen geführt werden. Nach erfolgreicher Erprobung mit Schülerinnen und Schülern wird dieses Teilprojekt im Sinne eines Modelllernens in die Lehramtsaus- und -fortbildung integriert.

Das Arbeitsfeld „Ausbildungskonzepte“ stellt die universitäre Lehre unter Berücksichtigung mobiler Kommunikationsmedien in den Mittelpunkt. Hierbei entwickeln, erproben und untersuchen die Beteiligten hochschuldidaktische Konzepte und Tools, die bei Lehramtsstudierenden, z. B. durch Simulation und Selbstevaluation, eine Auseinandersetzung mit der Lehrendenrolle unterstützen und den Aufbau einer reflexiven professionellen Lehrpersönlichkeit fördern.

Im dritten Arbeitsfeld „Fort- und Weiterbildungskonzepte“ werden zur Unterstützung der Professionalisierung u. a. neue Lehr-/Lern- und Assessment-Methoden unter Verwendung mobiler digitaler Medien entwickelt, wobei diese medienbasierten Konzepte Modellcharakter für guten Unterricht in allen Schulformen übernehmen.

Studierende im Botanischen Garten

Tablet Safari und Entdeckendes Lernen in der subtropischen Klimazone des Botanischen Gartens der TU Kaiserslautern.

Technische Universität Kaiserslautern/AG Henninger

Welche positiven Effekte resultieren aus der fachbereichs- und phasenübergreifenden Zusammenarbeit und dem Austausch mit ex­ternen Ko­operations­partnern?

Kuhn: Das lässt sich am Beispiel des genannten Schulbuchs beschreiben: Jeder Partner bringt in ein solches Projekt eine Komponente ein, die unerlässlich für das Gelingen des Projekts ist. Zum einen müssen die physikalischen Fachinhalte fachdidaktisch gestaltet und unter Berücksichtigung von Theorien der Lehr-Lern-Forschung aufbereitet werden. Zum anderen sind die Technologien nötig, mit denen wir die Interaktionen zwischen Schülerinnen und Schülern und dem Schulbuch messen und in Echtzeit Feedback, weitere Informationen oder Hilfestellungen einblenden. Die Technologie und die Big Data-Analysen übernimmt die Informatik, in diesem Fall das DFKI. Die Fachdidaktik wiederum gestaltet die Inhalte und analysiert die Wirkungen auf Lernprozessebene.

Gómez Tutor: Die Erkenntnisse, die wir in der Arbeit mit dem antizipierenden Schulbuch erhalten, fließen auch in andere Teilprojekte ein und können beispielsweise für die Erstellung von Arbeitsblättern in allen Schulfächern genutzt werden.

Kuhn: Ein weiterer Aspekt der interdisziplinären Zusammenarbeit berührt den Ansatz, dass in einem Projekt Methoden identifiziert werden, die auch in anderen Disziplinen einsetzbar sind. Ein Beispiel hierfür sind Feedback- und Reflexionsinstrumente wie Classroom Response Systeme.

Gómez Tutor: Aber nicht nur die Vernetzung innerhalb der Universität und über die Phasen hinweg sind stärker geworden. Wir bekommen zahlreiche Anfragen von Schulen, die wir in der Gestaltung ihres Medienbildungskonzepts beraten. Auf diese Weise konnten wir das Netzwerk unserer Partnerschulen (TU-Net MINT) ausweiten. Im Umfeld von U.EDU konnten wir mit "MeSUS – Medienbildung an der Schnittstelle von Universität und Studienseminar" ein weiteres Projekt schaffen, das sich mit dem Lehren und Lernen mit digitalen Medien beschäftigt. U.EDU tauscht sich zudem mit zahlreichen Hochschulen, auch außerhalb der QLB, über Projektergebnisse und Erfahrungen aus.

Digitalisierung ist eines, wenn nicht das Schlüsselthema unserer Zukunft.

Prof. Dr. Jochen Kuhn

Kuhn: Es geht darum, sich auch unabhängig von Kooperationen zu vernetzen und Einblick in die Aktivitäten anderer zu erlangen. Digitalisierung ist eines, wenn nicht das Schlüsselthema unserer Zukunft. Anfänglich gab es in der QLB neben U.EDU nur das Projekt „Level“ der Goethe-Universität Frankfurt, welches das Thema explizit adressiert. Dadurch, dass die Dynamik nun auch in der Bildung stark zunimmt, arbeiten mittlerweile zahlreiche weitere Projekte der QLB in diesem Feld.

Gómez Tutor: Das zeigt sich auch an der von uns geplanten Fachtagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“ am 18. Oktober 2018. Auf den Call hatten wir über 80 Einreichungen, auch von Universitäten, die in der QLB gefördert werden.

Was sind Ihre Ziele für den weiteren Verlauf des Projekts und darüber hinaus?

Gómez Tutor: Dadurch, dass wir bereits jetzt bestrebt sind, uns thematisch und organisatorisch auf allen Ebenen miteinander zu verweben, ist vieles gegeben, um eine Verstetigung unserer Arbeitsergebnisse zu erreichen. Unser Ziel ist es, die erprobten und evaluierten Konzepte an andere Fächer weiterzugeben und beispielsweise die entwickelten Unterrichtskonzepte in die Lehrkräftefortbildung einzubringen, um eine größtmögliche Verbreitung der Konzepte zu erreichen. Vor allem aber möchten wir Lehrkräfte ausbilden, die reflektiert arbeiten und sich kritisch mit der Nutzung von Medien auseinandersetzen.