Projektvorstellung: Maßnahmen zur Rekrutierung und Bindung von Studierenden im gewerblich-technischen Lehramt im Stuttgarter Projekt LEBUS

Das Projekt "Lehrerbildung an berufsbildenden Schulen (LEBUS)" fördert die Ausbildung im Lehramt für berufsbildende Schulen in gewerblich-technischen Fachrichtungen und zielt auf deren nachhaltige Stärkung. Projektleiter Prof. Dr. Bernd Zinn und Koordinator Matthias Wyrwal sprechen darüber, wie der Bekanntheitsgrad des Studiengangs gesteigert und Studierenden- und Absolvierendenzahlen der Fachrichtungen Elektrotechnik, Maschinenbau, Bautechnik und Informatik erhöht werden können.

Im Lehr-Lernlabor der Abteilung Berufspädagogik der Universität Stuttgart

Im Lehr-Lernlabor der Abteilung Berufspädagogik der Universität Stuttgart

© Universität Stuttgart/Jan Nowak

Der Lehrkräftebedarf im gewerblich-technischen Bereich in Baden-Württemberg übersteigt aktuell und zukünftig die Anzahl an Absolventen gewerblich-technischer Lehramtsstudiengänge. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Rekrutierung und Ausbildung von Lehrkräften für diesen Bereich?

Zinn: Aufgrund der nicht ausreichend ausgebildeten Zahl an Lehrkräften in gewerblich-technischen Lehramtsstudiengängen setzt man vermehrt auf Direkt- und Seiteneinsteiger ohne einschlägiges Lehramtsstudium, was das Imageproblem des Lehramtsstudiengangs verstärkt. Die Rekrutierung geeigneter Studierender ist mit vielfältigen strukturellen Herausforderungen verbunden. Neben dem allgemein geringen Bekanntheitsgrad des beruflichen Schulwesens – Lehramtsinteressierte kennen aus eigenen Erfahrungen der Allgemeinbildung nur die Sekundarstufe I und II –, benötigen Studierende im gewerblich-technischen Lehramt neben einem sozialen und pädagogischen Interesse eine hohe Affinität zu den Ingenieurwissenschaften, um den beruflichen Anforderungen gerecht zu werden. Hinderlich ist in Zeiten guter Wirtschaftslage der fehlende monetäre Anreiz in Verbindung mit der langen Ausbildungsdauer von rund 7,5 Jahren, wodurch der Lehrberuf oft keine Alternative darstellt. Es bedarf daher an Mechanismen, Studierende gezielt zu rekrutieren und nachhaltige Bindungsstrukturen zu schaffen. Für die Ausbildung von Lehrkräften ist es wichtig, den Studierenden hervorragende Beratungs- und Unterstützungsangebote anzubieten und sie hinreichend zu fördern.

Wie begegnet Ihr Projekt diesen Herausforderungen?

Es bedarf [..] an Mechanismen, Studierende gezielt [für Studiengänge des beruflichen Lehramts] zu rekrutieren und nachhaltige Bindungsstrukturen zu schaffen.

Prof. Dr. Bernd Zinn

Wyrwal: In LEBUS wurde ein standort­spe­zi­fisches Konzept zur Gewinnung geeigneter Studierender für den Studiengang Technikpäda­go­gik entworfen, welches kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Der Studiengang wird 1. über soziale Netzwerke, Online­­portale und den Besuch von Informationsver­anstaltungen beworben, um den Bekanntheits­grad des Lehramts für berufsbildende Schulen und insbesondere des Studiengangs zu steigern. Dabei werden dessen Grundstruktur, die Studienanforderungen und mögliche Tätigkeitsfelder an Studien- und Informations­tagen allge­mein- und berufsbildender Gymnasien im Großraum Stuttgart vorgestellt. Zu diesen Zwecken wurden spezielle Informations- und Werbe­materialien wie Flyer und Präsentationen entwickelt. 2. wurde der institutseigene Homepageauftritt optimiert. Die neu eingerichtete Rubrik für "Studien­interes­sierte" enthält wichtige Informa­tionen von organisa­to­ri­schen Fragen zum Studium bis hin zum Berufs­ein­stieg. Um Absolventinnen und Ab­sol­ven­ten ingenieurwissen­schaftlicher Bachelor­studien­gänge für das aufbauende Master­studium Technikpäda­go­gik zu gewinnen, wurden 3. Informationsmaterialien universitäts­intern und an umliegenden Hochschulen ver­brei­tet. Universitätsintern treiben wir zudem die Vernetzung mit den ingenieur­wissen­schaftlichen Studiengängen voran, indem wir Informationen gezielt weitergeben und die Websites entsprechend verlinken. Mit umliegenden Hochschulen wurden Kooperationen getroffen, mit dem Ziel, den Erwerb lehr­amtsspezifischer Schlüssel­qualifi­kationen im Bachelor­studium für deren Studierende zu ermöglichen und damit einen möglichen Übergang nach Abschluss des Bachelorstudiums in den Master-Lehramtsstudiengang zu begünstigen.

Eine zentrale Voraussetzung zur Erarbeitung eines standortspezifischen Konzepts ist der Einbezug der vielfältigen individuellen Profile der Studierenden, um gezielt potentielle Personengruppen anzusprechen.

Matthias Wyrwal

Zinn: Neben der Rekrutierung geeigneter Studierender begegnet die Universität Stuttgart vorzeitigen Studienabbrüchen in Form eines Mentoringprogramms in der Studieneingangsphase. Neben dem Erstkontakt in Form von Willkommens­mails, organisato­ri­schen Hilfe­stel­lung­en und weiteren allgemeinen Informationen zu Studium und Stu­dien­gang, erfolgt das Men­toring in dieser Phase mit Einführungsver­an­staltungen, Erst­semestertreffen, Beratungs­ge­sprächen und der Etablierung einer Anlauf­stelle bei Schwierig­keiten in der Phase des Studien­beginns. In dieser Phase treten oftmals mathematische Leistungsprobleme auf. Mit der Implementierung eines speziellen Tutori­ums für Lehramtsstudierende in der Höheren Mathe­matik wird diesen gegen­über­getreten. In Kleingruppen wird auf spezifische Belange der Studierenden eingegangen. Sie werden auf Prüfungen vorbereitet und Vorlesungsinhalte vertieft. Nicht zu­letzt ist das Networking mit dem Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung für berufliche Schulen und weiteren Stakeholdern intensiviert worden.

Welche positiven Effekte und konkreten Ergebnisse konnten über das standortspezifische Konzept und das Mentoringprogramm erzielt werden?

Zinn: Mit dem standortspezifischen Konzept zur Rekrutierung geeigneter Studierender stieg der Bekanntheitsgrad nachhaltig. Durch direkte Ansprachen und informelle Gespräche mit Lehrkräften bei Besuchen der Studien- und Informationsveranstaltungen wurden Multiplikatoren gewonnen, die zur Rekrutierung beitragen. Über das Mentoring in der Studieneingangsphase wurden studienhemmende Indikatoren identifiziert, denen zuweilen z. B. mit Tutorien in der Höheren Mathematik, Probeklausuren, Eliminierung von Veranstaltungsüberschneidungen entgegengewirkt wird.         

Es ist wichtig, mit den verschiedenen Akteuren der Lehrerbildung in Kontakt zu treten und Synergien und Netzwerke zu nutzen.

Matthias Wyrwal

Wyrwal: Mittels qualitativer und quantitativer Studien wurden die Profile von Studierenden zu deren Vorbildung und Studien­moti­va­tion eruiert und Studienabbrecher zu deren Gründen für das Nichtbeenden des Lehramtsstudiengangs für berufsbildende Schulen befragt. Mit der Evaluation von Interes­sens­struk­turen der Studierenden des gewerblich-technischen Lehramts erhielten wir Erkenntnisse zu den damit verbundenen Potentialen für die Gewinnung von Studierenden. Die Ergebnisse fließen direkt in das Konzept zur Rekrutierung und Bindung ein.

Welche Tipps und Empfehlungen geben Sie anderen Standorten?

Wyrwal: Es ist wichtig, mit den verschiedenen Akteuren der Lehrerbildung in Kontakt zu treten und Synergien und Netzwerke zu nutzen. Eine zentrale Voraussetzung zur Erarbeitung eines standortspezifischen Konzepts ist der Einbezug der vielfältigen individuellen Profile der Studierenden, um gezielt potentielle Personengruppen anzusprechen.

Welche Bilanz ziehen Sie aus der ersten Förderphase? Welche Möglichkeiten haben sich durch die QLB für das Projekt ergeben? Welches sind Ihre Ziele für die zweite Förderphase?

Zinn: Die Maßnahmen des Projekts fokussieren eine Verbesserung der Lehrerbildung für berufsbildende Schulen im Großraum Stuttgart. Mit den Rekrutierungs- und Bindungskonzepten werden langfristig die Absolvierendenzahlen von Lehrkräften für berufsbildende Schulen erhöht, welche dem Schuldienst zur Verfügung stehen. Insgesamt konnten in der ersten Förderphase gewinnbringende Instrumente und Strukturen implementiert werden, die es nun gilt, aufrecht zu erhalten.
In der zweiten Förderphase steht der Fokus in der Weiterentwicklung der fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Ausbildung im Bereich der Inklusion und dem Umgang mit Heterogenität sowie der Digitalisierung in Form von Nutzung innovativer Technologien in Lehr- und Lernprozessen. Mit dem zusätzlichen Einbezug der Ingenieurwissenschaften und der Staatlichen Seminare soll ein kumulatives Lernen über die Ausbildungsbereiche und -phasen hinweg strukturell unterstützt werden. Darüber hinaus werden die in der ersten Phase entwickelten Strukturen zur Gewinnung und Bindung von Studierenden für Technikpädagogik ständig angepasst und anlassbezogen weiterentwickelt.


Prof. Dr. Bernd Zinn ist Leiter des Projekts "Lehrerbildung an berufsbildenden Schulen (LEBUS)" an der Universität Stuttgart und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft, Studiendekan für Berufspädagogik und Technikpädagogik sowie für das Lehramt Naturwissenschaft und Technik (NwT).
Matthias Wyrwal ist Projektkoordinator sowie im Studiengang Berufs- & Technikpädagogik der Universität Stuttgart für das Studiengangsmanagement sowie die Studiengangs- und Praktikumsberatung zuständig.