„Praxisphasen - falscher Fokus?!“ Ergebnisse einer Tagung der Universität Münster zur Frage der strukturellen und individuellen Verortung von Lehramtspraktika

Im Rahmen der Online-Tagung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) am 4. und 5. März 2021 wurden die verpflichtenden Lehramts-Praktika kritisch unter die Lupe genommen. Diese sind seit langem in der Lehrkräftebildung als Studienelement etabliert und im Grundsatz unhinterfragt. Zumeist werden sie nur noch hinsichtlich der Aspekte ihrer Umsetzung thematisiert. An diesem häufig problematischen Zugang zu Praxisphasen haben alle Teilnehmenden dieser Onlinetagung gearbeitet.

Zwei junge Frauen schauen durch eine Lücke in einem Bücherregal

Praxisphasen sind als Studienelement in der Lehrkräftebildung fest etabliert, doch welche Versprechen können sie einlösen?

© Zentrum für Lehrerbildung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Ziel der Online-Tagung „Praxisphasen – falscher Fokus?!“ war es, den Blick wieder zu öffnen für die größeren Zusammenhänge zwischen (den Phasen der) Lehrkräftebildung und der Notwendigkeit von Praxisphasen von Beginn an, orientiert an folgenden Leitfragen:

  •     Warum sind Praxisphasen ein so fokussiertes Element in der Lehrkräftebildung?
  •     Welche Versprechen können sie einlösen?
  •     Wo liegen ihre Grenzen?
  •     Wie steht es tatsächlich um ihre Anschlussfähigkeit zum Vorbereitungsdienst?
  •     Und vor allem: In welchem Kontext können sie ihren sinnvollen Platz finden?

Im Rahmen zweier Keynotes und mehrerer Vorträge wurden Sinn und Zweck sowie (mögliche) Effekte der Praxisphasen im Studium noch einmal grundlegend durchdacht.

So nuancierte Martin Heinrich (Universität Bielefeld) ob ein falscher Fokus innerhalb der Praxisphasen gesetzt werde. Den zwei Alternativen Theorie versus Forschung setzte er ein Kaleidoskop entgegen: Die Idee der Forschungsbasierten Theorie-Praxis-Relationierung. Heinrich lenkte dabei den Blick auf die Verschiedenheit der disziplinären Zugänge. Diese müssten fruchtbar in den Diskurs gebracht werden, da sie ansonsten nebeneinander her, quasi als Parallelwelten existierten – ohne jedweden Fokus.

Udo Käser (Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn) ging am Beispiel des Praxissemesters der Frage nach wie praktisch es denn sein dürfe und lud mit dieser Frage zu einem Gedankenexperiment ein: „Wie erklären wir das Praxissemester jemanden, der mit dem deutschen Schulwesen nichts zu tun hat?“ – Es wurde deutlich, dass das Praxissemester die Praxisphase ist, in der sich die zentrale Problemlage der Lehrkräftebildung verdichtet. Gerade hier müssen die verschiedenen Wissensbereiche (Fachdidaktik, Fachwissenschaft und Bildungswissenschaften) berücksichtigt und miteinander vernetzt werden, aber auch praktische mit theoretischen Studienelementen verbunden werden. An die Praxisphase – bzw. die Studierenden, wenn sie sie absolvieren – richten sich große Erwartungen. Jedoch bleiben die Vorstellungen und das Wissen darüber, welche Wirkungen das Praxissemester nach sich zieht, wie diese offenbar werden und welches Lernen auf welche Weise unterstützt werden kann, diffus.

Insgesamt wurden im weiteren Verlauf mit insgesamt zehn Vorträgen, zehn Blitzlichtartigen Impulsvorträgen („Snapshots“) und einer Podiumsdiskussion Aspekte beleuchtet wie:

  • Das Problem des Theorie-Praxis-Verhältnisses in der Lehrkräftebildung
  • Die Frage nach den Chancen und Grenzen des Professionsanspruches und der Professionsorientierung
  • Das Verhältnis von Praxisphasen und Digitalisierung
  • Die Aufschluss-Möglichkeiten studentischer Perspektiven auf die Praxisphasen: Ihre Vorstellungen über die künftige Rolle als Lehrperson und die Chancen des Lernens am eigenen Fall

Das Tagungsteam des Zentrums für Lehrerbildung (ZfL) bestand aus Daniel Halkiew, Dr. Nina Harsch, Yvonne Noltensmeier, Cornelia Schönhardt, Corinna Schopphoff und Dr. Jutta Walke (Projektleitung).