Präsentation der ersten interaktiven 3-D-Visualisierungen von Holocaust-Überlebenden in Deutschland durch Forscherinnen und Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Leibniz-Rechenzentrums

Seit Februar 2018 arbeitet das Münchner Projekt "Lernen mit digitalen Zeugnissen" (LediZ) an der virtuellen Darstellung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocaust. Im Rahmen einer Eröffnungsveranstaltung in Garching bei München wurden die interaktiven 3-D-Zeugnisse nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Präsentation des digitalen Zeugnisses von Abba Naor

Präsentation des digitalen Zeugnisses von Abba Naor

© Philipp Thalhammer/LMU

Namhafte Gäste aus Bildung, Politik und Wissenschaft folgten am 22. Januar 2020 der Einladung von Prof. Anja Ballis (Institut für Deutsche Philologie; Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)), Prof. Markus Gloe (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft, LMU) und Prof. Michele Barricelli (Historisches Seminar, LMU) an das Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (LRZ) in Garching bei München, um die bisherigen Ergebnisse des Projekts "Lernen mit digitalen Zeugnissen" kennenzulernen: die ersten interaktiven 3-D-Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden in deutscher Sprache.

Vortrag zum Projekt „LediZ“ von Prof. Anja Ballis

Vortrag zum Projekt „LediZ“ von Prof. Anja Ballis

© Philipp Thalhammer/LMU

Mit Dr. Eva Umlauf und Abba Naor konnten die Forscherinnen und Forscher bereits eine Zeitzeugin und einen Zeitzeugen für das Projekt gewinnen. Abba Naor erklärt seine Beweggründe für den Entschluss, bei dem Projekt mitzumachen, wie folgt: "Ich bin der Meinung, mit dieser Geschichte muss man sich auseinandersetzen, weil das, was mal geschah, wieder geschehen kann. Um das zu vermeiden, muss man darüber reden. Das ist meine Meinung. Wir sind ja nur kleine Teil, aber unser Wissen wird man nicht mitnehmen in unser Grab. Wir müssen es weitergeben und da es Leute da sind, die bereit sind, sich damit zu beschäftigen. Chapeau!"

Ich bin der Meinung, mit dieser Geschichte muss man sich auseinandersetzen, weil das, was mal geschah, wieder geschehen kann. Um das zu vermeiden, muss man darüber reden.

Abba Naor

Eva Umlaut und Abba Naor wurden für diese Wissensweitergabe stereoskopisch gefilmt, während sie ihre Lebensgeschichten nachzeichneten und 1.000 Fragen dazu beantworteten. So erzählte Eva Umlauf von ihrer Geburt im slowakischen Arbeitslager Nováky 1942, ihrer Zeit im Vernichtungslager Auschwitz und ihrem Leben nach der Zeit des Nationalsozialismus. Abba Naor, geboren 1928, berichtete unter anderem von seinem Leben im Ghetto von Kaunas, seiner Deportation über das Konzentrationslager Stutthof in ein Dachauer Außenlager und vom Todesmarsch.

Jetzt können Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten mit diesen Zeugnissen, die umgangssprachlich auch ‚Hologramme‘ genannt werden, im Leibniz-Rechenzentrum interagieren, indem sie ihnen Fragen stellen. Über eine Spracherkennungssoftware wird nach passenden Antworten gesucht und die entsprechenden Videos werden in 3-D abgespielt. Um eine möglichst reibungslose Interaktion mit den digitalen Zeugnissen zu ermöglichen, wurden mittlerweile jeweils knapp 40.000 Variationen zu den je 1.000 Fragen im System hinterlegt.

Durch die Interaktion mit den digitalen Zeugnissen wird das oftmals abstrakte Wissen von Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden über die NS-Verbrechen um eine biographische Komponente erweitert. Geschichte wird hier recht unmittelbar aus Sicht von einzelnen Personen erlebbar. Für zukünftige Generationen, die nicht mehr die Möglichkeit haben werden, Holocaust-Überlebende persönlich zu treffen, sind die digitalen Zeugnisse zudem die einzige Möglichkeit für ein ‚Zeitzeugengespräch‘.

Außerdem lernen Schülerinnen und Schüler, Fragen als grundlegendes Erschließungsinstrument von Wissen zu erkennen. Studierenden wiederum bietet sich die Möglichkeit, diese neue Art der historischen Quelle mit anderen, traditionelleren Formen der Zeugenschaft, beispielsweise Printmedien oder Videozeugnisse, zu vergleichen und so ihren kritischen Blick auf historische Quellen schärfen.

Bereits dieses Jahr sollen an Schulen in Bayern erste Tests mit einer mobilen digitalen Variante der Technologie und damit verbundene Studien durchgeführt werden. Ab 2021 ist dann auch eine internetbasierte Nutzung der Zeugnisse geplant. Zudem sollen weitere Zeitzeugengespräche aufgezeichnet werden. So ist noch für dieses Jahr ein digitales Zeugnis mit einem Sinto geplant.