Lernorte und Lernprozesse neu mitgestalten – fachdidaktische interdisziplinäre Netzwerke bewähren sich in Zeiten von Corona an der Leuphana Universität Lüneburg

Die Corona-Pandemie betrifft in besonderem Maße den Bildungsbereich. Lernorte und Lernprozesse müssen neu gestaltet werden, sodass Schulen und Lehrkräfte vor besonderen fachdidaktischen Herausforderungen stehen. Zwei interdisziplinäre Projekte des Zukunftszentrums Lehrerbildung (ZZL) an der Leuphana Universität Lüneburg reagieren zukunftsorientiert auf diese Krisensituation und leisten konstruktive Beträge für die Lehrkräfteausbildung und die Schulpraxis in dieser außergewöhnlichen Zeit.

mehrere Personen in einer digitalen Sitzung

Das interdisziplinäre Entwicklungsteam des Lüneburger ZZL-Netzwerks entwickelt in einer digitalen Sitzung Unterrichtsmaterialen.

© Franziska Bormann

Von Franziska Bormann und Swantje Weinhold

Im Projekt "ZZL-Netzwerk" kooperieren Akteure aus Wissenschaft und Schulpraxis kontinuierlich und hierarchiearm in sogenannten Entwicklungsteams miteinander, um gemeinsam mit Studierenden konkrete Fragestellungen zur Verbesserung der Lehrkräftebildung und des Unterrichts in verschiedenen Fächern zu bearbeiten. Diese Teams, die Good-Practice-Beispiele für eine verbesserte Theorie-Praxis-Verzahnung darstellen, erweisen sich in der aktuellen Situation als krisenfest und äußerst flexibel, sodass sie gerade auch unter den neuen, unsteten Rahmenbedingungen weiterhin produktiv sind. Anhand des Entwicklungsteams Deutsch lässt sich dies illustrieren.

Das "Entwicklungsteam Deutsch" in der Corona-Zeit

Das Entwicklungsteam "Kompetenzorientierte Unterrichtsgestaltung im Fach Deutsch" ist ein interdisziplinäres Format, in dem derzeit neun Lehrkräfte (aus drei Schulen im Landkreis Lüneburg), zwei Fachdidaktikerinnen und zehn Studierende ko-konstruktiv zusammenarbeiten. Die Zielsetzung ist zum einen die Verbesserung des Lese- und Rechtschreibunterrichts durch die Entwicklung und Erprobung von schriftsystematischen, kompetenzorientierten Konzepten und Unterrichtsmaterialien für die Schulpraxis. Zum anderen arbeitet diese Community of Practice an der praxisnahen Professionalisierung der teilnehmenden Studierenden.

Die Studierenden besuchen ein dreisemestriges Projektbandseminar, das im Master des Lehramtsstudiums angesiedelt ist. Hier wird eigenständiges forschendes Lernen und Schulpraxis miteinander verbunden, indem Studierende in Anbindung an die Praxis im Rahmen des Langzeitpraktikums eigene Fragestellungen im kontinuierlichen Dialog mit dem Entwicklungsteam bearbeiten.

Trotz des massiv eingeschränkten Schulbetriebs sind die Studierenden auch aktuell im schulpraktischen Kontext tätig – in neuen Formaten

Ein Teil der Studierenden entwickelt derzeit in engem Austausch mit den Lehrkräften des Entwicklungsteams Unterrichtsmaterialien für die Lernbereiche Lesen und Rechtschreibung, die auf die Anforderungen des Homeschoolings zugeschnitten sind. Diese werden als Fördermaterialien für einzelne Schülerinnen und Schüler (SuS) oder als Unterrichtsmaterialien für ganze Klassen genutzt.

Einzelförderung in einem digitalen Lehr-Lernsetting

Einzelförderung in einem digitalen Lehr-Lernsetting

© Franziska Bormann

Ein anderer Teil der Studierenden betreut Schülerinnen und Schüler, die besonderen Unterstützungsbedarf im Schriftspracherwerb aufweisen, in Form von Einzel- und Kleingruppenförderungen. Die aktuellen Bedingungen ermöglichen diese Förderung derzeit nur per Videokonferenz bzw. über schulinterne Online-Plattformen. Die Studierenden haben trotz Schwierigkeiten bei der technischen Ausstattung der Kinder die spezifischen Möglichkeiten dieses digitalen Settings konstruktiv genutzt und innovative Materialien für derartige Lehr-Lernsituationen entwickelt. Diese gemeinsame Auseinandersetzung mit ganz spezifischen Förderbedarfen einzelner Kinder in Kombination mit den Möglichkeiten und Anforderungen digitaler Lernorte und -materialien trägt in besonderer Weise zur praxisnahen Professionalisierung der Studierenden bei.

Und auch für die Lehrkräfte erweist sich die derzeit nur digital mögliche Entwicklungsteamarbeit als wertvolles, individuelles Begleit- und Unterstützungssystem, in dem ganz regelmäßig institutions- und schulübergreifend zur aktuellen Lage im Fachunterricht und zu Strategien der Unterrichtsgestaltung gearbeitet wird. Ein wiederkehrendes Thema ist die fachdidaktische Besprechung von besonders förderbedürftigen Einzelfällen, die aufgrund der Corona-Krise für die Lehrkräfte schwer erreichbar sind.

Das Projekt CODIP

Darüber hinaus startete ein weiteres Projekt im März 2020 am ZZL: "Digital-gestütztes Üben im Fachunterricht: Kompetente Lehrkräfte – Individualisierte Lernprozesse (= Competencies for Digitally-Enhanced Individualized Practice; CODIP)".

Das CODIP-Projekt unterstützt (zukünftige) Lehrkräfte bei der Vorbereitung auf die Anforderungen eines digital-gestützten Unterrichts. Konkret verfolgt das Projekt das Ziel, zum Aufbau fachdidaktischer, digitalisierungsbezogener Kompetenzen zur Gestaltung und Umsetzung von Lehr-Lern-Prozessen mit spezifischem Fokus auf digital-gestütztes, individualisiertes Üben im Fachunterricht beizutragen.

Im Rahmen von CODIP werden Lehrkonzepte in diversen Unterrichtsfächern entwickelt, implementiert, evaluiert und verstetigt. Kolleginnen und Kollegen aus der Bildungswissenschaft bzw. Psychologie begleiten diese Vorhaben durch die Beforschung von Querschnittsthemen, wie der "Data Literacy" von Lehrkräften sowie deren genereller Bereitschaft, digitale Medien für individualisierte Übungsprozesse zu verwenden.

…was wird kommen und bleiben

Vor dem Hintergrund der nicht vorhersehbaren Entwicklungen im Zuge der COVID-19-Pandemie sind Schulen gefordert, sehr schnell und oft wenig vorbereitet über alternative Lehr-Lernformate nachzudenken und diese umzusetzen. Mit dem damit einhergehenden Digitalisierungsschub spielen in den Schulen Optionen digital-gestützten Übens im Fachunterricht, die das Erreichen intendierter Lernziele erfolgreich unterstützen, für (angehende) Lehrkräfte eine immer wichtigere Rolle. CODIP will durch seine breite fachdidaktische, bildungswissenschaftliche und psychologische Anlage dazu beitragen.

Die interdisziplinären Entwicklungsteam-Strukturen im ZZL-Netzwerk haben sich bereits jetzt in den veränderten schulischen und universitären Kontexten als besonders lernförderlich und flexibel erweisen und sollen daher ein fester Bestandteil der Lehrkräftebildung an der Leuphana Universität über die aktuelle Situation und die Projektlaufzeit hinweg werden.

  

Franziska Bormann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im ZZL-Netzwerk im Handlungsfeld Kompetenzorientierter Unterricht im Deutschunterricht der Primarstufe.
Prof. Dr. Swantje Weinhold ist Professorin für deutsche Sprache und ihre Didaktik am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik an der Leuphana Universität Lüneburg und Teil der wissenschaftlichen Projektleitung des ZZL-Netzwerks.