Land in Sicht – Lehrkräftegewinnung im ländlichen Raum Sachsens

Junge Menschen für den Lehrkräfteberuf zu gewinnen, scheint in der aktuellen Zeit nicht nur ein Problem einzelner Bundesländer zu sein, sondern ist bundesweit in allen Regionen eine große Herausforderung. Umso schwieriger gestaltet sich die Lösung, Jugendliche und junge Erwachsene für ein Leben als Lehrkraft auf dem Land zu gewinnen. Doch in Sachsen beschreitet man seit einigen Jahren einen neuen Weg, der positive Effekte erkennen lässt.

Mehrere Personen unterhalten sich

Junge Menschen für den Lehrkräfteberuf zu gewinnen ist bundesweit eine wichtige Herausforderung.

© BMBF/Alexandra Roth

Von Beno Hoyer

Im Einstellungsverfahren für das Schuljahr 2020/21 haben sich insgesamt 1.271 grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer beworben. Die meisten Bewerbungen gab es auch in diesem Einstellungsverfahren für die Ballungszentren Leipzig und Dresden. Demgegenüber werden für die ländlichen Regionen mehr Lehrkräfte gesucht als es Bewerber gibt. Ziel des Einstellungsverfahrens muss es daher sein, für einen Ausgleich zwischen Bewerberinteresse und tatsächlichen Lehrkräftebedarf zu sorgen. Aus diesem Grund hat sich Sachsen für den Weg entschieden, so früh wie möglich Lehramtsstudierende mit den ländlichen Regionen vertraut zu machen.

Perspektive Land

Als das sächsische Kultusministerium im Spätsommer 2015 das Sachsenstipendium ins Leben rief, betrat man Neuland in der Lehrkräftewerbung. In keinem anderen Bundesland gab es damals ein entsprechendes Stipendienprogramm für Lehramtsstudierende. Die Idee: Lehramtsstudierende erhalten 300 Euro monatlich, wenn sie sich verpflichten, später in Bedarfsregionen zu arbeiten. Damit sollten angehende Lehrer und Lehrerinnen schon während des Studiums an den ländlichen Raum gebunden und auf ihre spätere Tätigkeit in einer Bedarfsregion vorbereitet werden. Neben dem finanziellen Zuschuss erhielten die Stipendiaten auch eine ideelle Förderung. So organisierte die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) für die Stipendiaten das Begleitprogramm "Perspektive Land", mit dem sie auf ihre Lehrtätigkeit in einer ländlichen Region vorbereitet wurden. Dafür wurden Seminar- und Trainingsangebote sowie eine individuelle Begleitung während des Studiums, des Vorbereitungsdienstes und des Beginns der Lehrtätigkeit angeboten. Gleichzeitig hatten die Stipendiaten individuelle Ansprechpartner an der Universität und in der zukünftigen Einsatzregion und absolvierten bereits ihre Schulpraktika in der späteren Einsatzregion.

Wirkungsvolles Unterstützungsnetzwerk

Während man anfangs noch davon ausging, dass Geld mehr Studierende aufs Land locken würde, hat sich zwischenzeitlich herausgestellt, dass sich ein Unterstützungsnetzwerk als viel wirkungsvoller erwiesen hat. Übereinstimmend berichteten Lehramtsstudierende, dass besonders der persönliche Kontakt zu Lehrerinnen und Lehrern in Schulen im ländlichen Raum und zu den Verantwortlichen in der Schulaufsicht die Entscheidung begünstigt hat, in einer ländlichen Bedarfsregion zu unterrichten. Aus diesem Grund hat man sich entschieden, das Stipendium auslaufen zu lassen und das Begleitprogramm "Perspektive Land" als ein eigenständiges Unterstützungsangebot für Lehramtsstudierende zu etablieren.

In Seminar- und Exkursionsangeboten erhalten die Studierenden zum einen ein breites Angebot an fachlichem Input zu verschiedensten pädagogischen Themen und kommen zum anderen mit ländlichen Schulen und regionalen Akteuren (zum Beispiel Vereine, Kommunen) in Kontakt, um Bedarfsregionen kennen zu lernen. Neben dieser ideellen Unterstützung erhalten die Studierenden eine finanzielle Förderung beim Absolvieren von Praktika auf dem Land. Dass dieser Weg Wirkung zeigt, spiegelt sich darin, dass sich besonders im Bereich der Praktikumsförderung die Zahl der Anträge innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt hat. Mit Schulmessen an den Lehramtsausbildungsstätten in Dresden und Leipzig hat Sachsen zusätzlich die Möglichkeit geschaffen, dass Studierende schon frühzeitig mit Schulen in Bedarfsregionen in Kontakt treten können.

Um jedoch einen finanziellen Anreiz für eine Lehrertätigkeit im ländlichen Raum beizubehalten, bekommen in Sachsen Lehramtsanwärter einen Sonderzuschlag von bis zu 1.000 Euro monatlich, wenn sie sich für den Einsatz in einer Bedarfsregion entscheiden. Aktuell absolvieren 2.046 Studienreferendarinnen und Studienreferendare den Vorbereitungsdienst in Sachsen. Davon nehmen immerhin 640 Studienreferendarinnen und Studienreferendare den Anwärtersonderzuschlag mit der Verpflichtung zum Einsatz in Bedarfsregionen in Anspruch.

Einsatz von Geld an der richtigen Stelle

Wie dieses Beispiel zeigt, ist heute unter jungen Erwachsenen der Verdienst allein nicht mehr ausschlaggebend für die Auswahl einer Arbeitsstätte. Sachsens Weg, sich von rein finanziellen Anreizen zu lösen und sich stärker auf eine Begleitung zu konzentrieren, zeigt die erwünschte Wirkung. Zwar ist die Situation in den ländlichen Regionen immer noch angespannt, jedoch sind erste Effekte erkennbar. So konnten im Einstellungsverfahren 2020/21 im ländlichen Raum um Leipzig bis auf einzelne wenige Ausnahmen alle Lehrkräftestellen besetzt werden. Dies lässt hoffen, dass zukünftig eine weitere Entspannung in anderen Regionen zu verzeichnen sein wird.



Beno Hoyer ist ausgebildeter Oberschullehrer für Geschichte, Gemeinschaftskunde und katholische Religion. Seit September 2020 ist er als Referent im Sächsischen Staatsministerium für Kultus unter anderem verantwortlich für die Lehrkräftenachwuchsgewinnung.