Kurz gefragt: Wieviel Wissenschaft braucht die Lehrerfortbildung?

Aus dem Programmworkshop der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" "Wie viel Wissenschaft braucht die Lehrerfortbildung?" hat sich seit 2017 eine gemeinsame Tagungsreihe der Universitäten Kassel und Regensburg sowie der Pädagogischen Hochschule Freiburg entwickelt. Gemeinsam wird daran gearbeitet, Lehrkräftefort- und -weiterbildungen im Zusammenspiel aller beteiligten Personen und Institutionen zu entwickeln, zu ermöglichen und durchzuführen.

Vizepräsident der Universität Kassel, Prof. Dr. René Matzdorf

Der Vizepräsident der Universität Kassel, Prof. Dr. René Matzdorf, begrüßt im November 2017 die Gäste des QLB-Programmworkshops "Wieviel Wissenschaft braucht die Lehrerfortbildung?“. Der Grundstein der Veranstaltungsreihe ist gelegt.

© Universität Kassel, Johannes Osterberg

Von Karsten Rincke, Frank Lipowsky und Lars Holzäpfel

"Die Fort- und Weiterbildung als dritte Phase der Lehrerbildung stellt die mit Abstand längste Phase in der Berufsbiographie von Lehrpersonen dar. Obgleich diese Phase der Lehrerbildung bislang nicht zu der primären Aufgabe von Hochschulen zählt, beteiligen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler […] in vielfacher Weise an deren Entwicklung, Durchführung und Erforschung. Befunde der Bildungsforschung unterstreichen das Potenzial von Fortbildungen, an deren Konzeption und Durchführung Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt sind. Lehrerfort- und ‑weiterbildung profitiert demnach von der Kooperation mit der Wissenschaft."

Diese kurze Passage aus dem Einladungstext zum ersten Workshop der Reihe "Wieviel Wissenschaft braucht die Lehrerfortbildung?" verdeutlicht schon das Spannungsfeld, in dem sich universitäre Fort- und Weiterbildung für Lehrpersonen bewegt: Einerseits bietet die Beteiligung der Wissenschaft an Fort- und Weiterbildungen erhebliche Chancen, andererseits werden diese Chancen – aus verschiedenen Gründen – zu selten und zu wenig systematisch genutzt.

Wie kommt der Köder zum Fisch? Eingangsbefragung zeigt strukturelle, curriculare, fortbildungsdidaktische und motivationale Herausforderungen auf

Dem Auftaktworkshop, im November 2017 an der Universität Kassel (Prof. Dr. Frank Lipowsky, Projekt PRONET) in Kooperation mit den Projekten FACE (Prof. Dr. Lars Holzäpfel, Pädagogische Hochschule Freiburg) und KOLEG (Prof. Dr. Karsten Rincke, Universität Regensburg) ausgerichtet, ging eine Befragung voraus, die an Verantwortliche aller seinerzeit geförderten Projekte der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung " (QLB) im Bundesgebiet gerichtet war. Mit der Befragung sollte ein Bild der "Baustellen" und Schwierigkeiten, aber auch möglicher Lösungsansätze in Zusammenhang mit der Entwicklung, Ermöglichung und Durchführung von Lehrkräftefort- und -weiterbildungen gezeichnet werden, wie sie von den Projektverantwortlichen wahrgenommen und eingeschätzt werden.

Tagung in Kassel

In Arbeitsgruppen und Plenarvorträgen bot die Tagung in Kassel Akteuren aller Phasen Einblick in die Merkmale erfolgreicher Lehrkräftefortbildungen.

© Universität Kassel, Johannes Osterberg

Die Zusammenschau der Ergebnisse weist auf Herausforderungen auf struktureller, curricularer, fortbildungsdidaktischer und motivationaler Ebene hin. So erfahren Hochschullehrende keine Anrechnung ihres Engagements bei Lehrkräftefortbildungen auf ihr Lehrdeputat, es fehlen Anreizsysteme für ein solches Engagement und die Zusammenarbeit mit staatlichen Fortbildungseinrichtungen oder Landesinstituten ist nicht institutionalisiert (strukturelle Schwierigkeiten). Weiter werden unzureichende Abstimmungen zwischen den Fort- und Weiterbildungsinhalten hochschulischer, staatlicher oder landesinstitutioneller Angebote benannt. Zudem wird auf die Unterschiedlichkeit der Perspektiven verwiesen, wie sie Lehrkräfte einerseits und Akteure der Hochschulen andererseits auf die Relation zwischen Wissenschaft und Unterrichtspraxis einnehmen (curriculare Herausforderungen). Schließlich gibt es zwar gesicherte Kenntnisse darüber, was Lehrkräftefortbildungen wirksam werden lässt. Die entsprechenden Kriterien zu erfüllen, impliziert jedoch in der Regel eine Absage an die Form der traditionellen Einmalveranstaltung und verlangt stattdessen andere, zeitlich und methodisch aufwändigere Formate (fortbildungsdidaktische Herausforderungen).

Letzteres ist eng verbunden mit der Frage, wie jeweils eine ausreichende Teilnahmebereitschaft von Lehrpersonen hergestellt werden kann angesichts des mit der Teilnahme an entsprechend aufwändigeren Angeboten verbundenen Arbeitsaufwands für Lehrpersonen, der meist nicht honoriert, nicht anerkannt und in der beruflichen Laufbahn nicht sichtbar wird (motivationale Herausforderungen). Dementsprechend lautete der Untertitel der Publikation, die die Ergebnisse der Vorbefragung zusammenfasst, treffend: Wie kommt der Köder zum Fisch?

"Wieviel Wissenschaft braucht die Lehrerfortbildung?“ – Auftakt der Veranstaltungsreihe in Kassel

Die Tagung in Kassel war – wie auch die Folgeveranstaltung in Freiburg im Frühjahr 2019 – über den Kreis der Hochschulen hinaus in Schulen, Landesinstituten und staatlichen Stellen beworben worden, um das Interesse von Teilnehmenden unterschiedlicher Provenienz zu wecken und damit die Voraussetzung für einen fruchtbaren Austausch sowie eine Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten und Herausforderungen zu schaffen. Sie bot neben Arbeitsgruppen – etwa zur Unterrichtsentwicklung in professionellen Lerngemeinschaften, zur Qualifikation von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren oder zur Bedarfsanalyse für Lehrkräftefortbildungen – in Plenarvorträgen Einblick in die Merkmale erfolgreicher Lehrkräftefortbildungen, in die Möglichkeiten des Scaffoldings im Rahmen von Fortbildungen oder in die Beteiligung von Universitäten an der Fort- und Weiterbildung von Lehrpersonen in der Schweiz.

Folgetagung in Freiburg setzte Fokus auf Kooperation und Ko-Konstruktion

Die Folgetagung in Freiburg setzte den Fokus auf Kooperation und Ko-Konstruktion. Sie reflektierte damit über mehrfach nachgewiesene Befunde, wonach Kooperation unter Lehrkräften zumeist den Austausch etwa von Unterrichtsmaterialien bedeutet, während die Ko-Konstruktion im Sinne eines gemeinsamen Entwickelns und Arbeitens an Vorhaben der Unterrichtsentwicklung trotz ihres Potenzials selten anzutreffen ist.

Folgetagung 2019 in Freiburg

Hochschulen, Schulen, Staatliche Seminare für Ausbildung und Fortbildung sowie Schulbehörden im Gespräch. Die Folgetagung 2019 in Freiburg setzte den Fokus auf Kooperation und Ko-Konstruktion.

© School of Education FACE

Eine Ko-Konstruktion lässt nicht nur erwarten, dass die Produkte einer solchen gemeinsamen Arbeit umfassenderen Ansprüchen genügen. Sie darf als zentrale Strategie dafür angesehen werden, Unterricht auf neue und aktuelle Herausforderungen einzustellen: Wie begegnen wir der Forderung nach Sprachbildung in allen Fächern? Wie können alle Fächer zur Förderung der Lesefähigkeit beitragen? Was bedeutet es, ein inklusives Schul- und Unterrichtskonzept ins Werk zu setzen? Ein ko-konstruktiver Arbeitsmodus lässt auch erwarten, der Skepsis entgegenwirken zu können, mit der sich zuweilen Unterrichtende an Schulen einerseits und Angehörige von Hochschulen andererseits begegnen. Ko-konstruktives Arbeiten öffnet die Tür für beiderlei Perspektiven, sodass sich im günstigen Fall die Theorie an der Praxis wie auch die Praxis an der Theorie bewähren können. Die Tagung adressierte dabei Ko-Konstruktion und Kooperation in der wissenschaftlichen Fortbildungspraxis hinsichtlich Entwicklung und Umsetzung von Angeboten wie auch die Frage nach fördernden oder hemmenden Rahmenbedingungen.

Der intensive und gelingende Austausch machte deutlich, dass bei allen Fragen, wie Lehrkräftefortbildungen kooperativ oder ko-konstruktiv gestaltet sein können, immer wieder jene nach langfristig tauglichen Rahmenbedingungen und Arbeitsbündnissen auftaucht: Wie lässt sich erreichen, dass sich Lehrkräfte an Schulen, Fortbildende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder begegnen und gemeinsam an der Konzeption konkreter Fortbildungsvorhaben arbeiten? Wie lassen sich auch die häufig getrennt agierenden Wissenschafts- und Kultusministerien in den einzelnen Bundesländern zu einer zielführenden Zusammenarbeit bewegen? Welche Formate der längerfristigen Zusammenarbeit sind geeignet, ohne dass die Beteiligten die Zusammenarbeit neben ihren sonstigen Aufgaben schließlich als Last empfinden?

Arbeitsbündnisse im analogen und virtuellen Raum – ein Blick nach Regensburg 2021

Die dritte Tagung in der Reihe "Wieviel Wissenschaft braucht die Lehrerfortbildung?" wird diese Fragen aufgreifen und ihren Schwerpunkt entsprechend darauf ausrichten, wie Arbeitsbündnisse zwischen Partnerinnen und Partnern an Hochschulen, Landesinstituten oder Fortbildungsinstitutionen einerseits und Lehrkräften an den Schulen andererseits gestaltet werden können. Die Tagung soll Beispiele zeigen und zur Diskussion anregen, wie gelingende Arbeitsbündnisse aussehen können. Dabei sollen ausdrücklich auch Wege in den Blick genommen werden, die digitale Techniken der Kommunikation und des Austauschs im virtuellen Raum einbeziehen. Interessierte sind schon jetzt ermuntert, sich den 15. und 16. März 2021 für die Teilnahme an der Universität Regensburg zu reservieren.



Karsten Rincke ist Professor für Didaktik der Physik an der Universität Regensburg und Ko-Projektleiter des Projekts L-DUR.
Frank Lipowsky ist Professor für Empirische Schul- und Unterrichtsforschung und Leiter des Projekts "Professionalisierung durch Vernetzung" (PRONET²) an der Universität Kassel.

Prof. Dr. Lars Holzäpfel ist Professor am Institut für Mathematische Bildung der PH Freiburg und Leiter des Zentrums für schulpraktische Studien sowie Leiter des Praxiskollegs des Freiburg Advanced Center of Education (FACE).