Kommentar: Wie viel Wissenschaft die Lehrerinnen- und Lehrerbildung braucht oder warum zukünftige Lehrkräfte an Forschung beteiligt, also "richtige" Studentinnen und Studenten gewesen sein müssen

Dass ein wissenschaftliches Studium, mit der typischen Einheit von Forschung und Lehre, ein Kernelement der Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte ist, steht bei jenen, die sich wissenschaftlich mit der Lehrkräftebildung beschäftigen, außer Frage. Die Relevanz des Universitätsstudiums hat damit zu tun, was Lehren ist, nämlich im Kern, Erkenntnisprozesse zu verstehen und diese zu unterstützen.

Claudia Scheid und Thomas Wenzl

Wieviel Wissenschaft braucht die Lehrerbildung? Claudia Scheid und Thomas Wenzl erörtern

© Claudia Scheid und Thomas Wenzl

Ein Kommentar von Claudia Scheid und Thomas Wenzl

Zur vereinseitigten Forderung nach "Mehr Praxis"

Als ein berufsvorbereitendes Studium steht das Lehramtsstudium, wie natürlich andere berufsbezogene Studiengänge auch (beispielsweise das Medizinstudium, das Jurastudium), sowohl vor wissenschaftlichen als auch vor berufsvorbereitenden Ansprüchen. Im Hinblick auf diesen unhintergehbaren doppelten Anspruch fällt an aktuellen hochschulpolitischen sowie in allgemein öffentlichen Diskursen auf, dass hier die Bedeutung des wissenschaftlichen Charakters der universitären Lehrkräftebildung kaum eine Rolle spielt. Dominant sind vielmehr Stimmen, die in verschiedenen Variationen dem Wunsch nach einer stärkeren Orientierung des Lehramtsstudiums an der Idee einer unmittelbaren berufspraktischen Verwertbarkeit seiner Inhalte Ausdruck verleihen. Forderungen nach einer Zurückweisung der Praxisorientierung im Lehramtsstudium, um den wissenschaftlichen Charakter des Lehramtsstudiums zu stärken, klingen vor dem Hintergrund dieser öffentlichen Diskussionen demgegenüber befremdlich.

Zur Bedeutung wissenschaftlicher Ausbildungsansprüche

Dies war für uns der Anlass, um einen Sammelband mit Beiträgen herauszugegeben, in denen Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen an der Lehrkräftebildung beteiligten Fächern die Bedeutung eines an Wissenschaftlichkeit orientierten Lehramtsstudiums aus unterschiedlichen theoretischen Positionen hervorheben. Die Beiträge zeigen, dass eine qualitativ hochwertige, professionalisierende Lehrkräftebildung in vielerlei Hinsicht eine starke Wissenschaftsorientierung voraussetzt. Gerade der für wissenschaftliches Handeln konstitutive Wert einer praktisch desinteressierten Erkenntnisorientierung erweist sich bei näherer Betrachtung als konstitutiv für das berufliche Handeln von Lehrerinnen und Lehrern. Denn in der Universität und in der Schule geht es letztlich um ein unvoreingenommenes Nachvollziehen von Verstehensprozessen. Insofern stellt eine wissenschaftliche Sozialisation im Rahmen eines selbstgenügsam an Erkenntnis orientierten Studiums keine Abwendungsbewegung von den berufspraktischen Anforderungen des Lehrerberufs dar, sondern sie bereitet die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer auf einen entscheidenden Aspekt ihrer späteren durch den Anspruch an ein Verständnis ihrer Schülerinnen und Schüler in deren fachlichen Verstehensbemühungen gekennzeichneten Berufsrolle vor. Wissenschaftliche und berufspraktische Ausbildungsansprüche müssen sich dann letztlich nicht mehr so unversöhnlich gegenüberstehen, wie es im Lehrkräftebildungsdiskurs häufig den Anschein hat, wenn diese Funktion des Studiums anerkannt wird.

Fazit – Unterstützung von Erkenntnisprozessen als zentrale unterrichtliche Aufgabe

Dass die Universität dem Wunsch von vielen Lehramtsstudierenden entgegenkommen möchte, möglichst praxisnah und nicht nur im "Elfenbeinturm" der Universität ausgebildet zu werden, ist nachvollziehbar. Gleichwohl läuft die Lehrkräftebildung, wenn sie versucht, diesem "unstillbaren Verlangen"  nach "mehr Praxis" immer weiter nachzukommen, Gefahr, eine ihrer zentralen Ausbildungsfunktionen nicht mehr angemessen zu erfüllen, nämlich die Funktion, es zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern zu ermöglichen, sich ein an Erkenntnis orientiertes wissenschaftliches Berufsselbstverständnis anzueignen, mit dem sie dann in die zentrale unterrichtliche Aufgabe der Unterstützung von Verstehensprozessen hineingehen können.

   

Dr. phil. Claudia Scheid ist Professorin für Pädagogische Professionalisierung und Beratung sowie Aus- und Weiterbildung am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung des Fachbereichs Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. 

PD Dr. phil. Thomas Wenzl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Zwischen heterogenen Lehrkulturen und berufspraktischen Ansprüchen: Fallrekonstruktionen zur universitären Ausbildungsinteraktion im Lehramtsstudium" an der Leibniz Universität Hannover.