Kommentar: Schulpraktika betreuen – Unterstützung beim Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis

In der Lehrkräfte-Ausbildung kommt schulpraktischen Phasen eine besondere Bedeutung zu. Der Perspektivenwechsel von der Schülerin bzw. dem Schüler zur Lehrkraft wird in der Hochschule theoretisch vorbereitet. Durch intensiv betreute Schulpraktika können Lehramtsstudierende die Entwicklung vom Lernenden zum Lehrenden bzw. vom (Fach-)Experten zum Gestalter von Lernprozessen selbst erfahren. Als betreuende Lehrkraft an der Schule kann man aktiv dazu beitragen, dass dieser Brückenschlag gelingt.

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Jessica Ohletz ist Ansprechpartnerin für die Kooperation der Hochschulpartnerschule mit dem Freiburg Advanced Center of Education (FACE) im Praxiskolleg.

Lars Holzäpfel

Ein Kommentar von Jessica Ohletz


Perspektivwechsel ermöglichen

Meine eigenen Schulpraktika waren für mich bedeutsame Scheidepunkte meiner Berufsbiografie, welche mich heute motivieren, selbst aktiv Studierende auf ihrem Weg zu begleiten. Im dreiwöchigen Orientierungspraktikum nach dem ersten Semester im Bachelor-Lehramtsstudium sollen Studierende ihre Studien- und Berufswahlentscheidung überprüfen bzw. fundieren. Die Erfahrung zeigt, dass Studierende zu diesem frühen Studienzeitpunkt noch wenig Zeit hatten, sich mit dem künftigen Berufsfeld auseinanderzusetzen. Sie profitieren an diesem Punkt sehr von einer beraterischen Unterstützung, die in Ergänzung zum ersten Semester an der Hochschule nun beim Blick in die Praxis hilft, sich zurecht zu finden. Ein Aspekt, der hier immer wieder wichtig scheint, ist die Auseinandersetzung mit der neuen Rolle als Lehrkraft – hierzu zählen beispielsweise auch Hinweise zu Umgangsformen und Verhalten.

Meiner Wahrnehmung nach eignen sich Studierende im Studium vor allem "ihre Fächer" an. Der Beruf als Lehrkraft ist jedoch vorwiegend ein Beziehungsberuf - wir unterrichten unsere Fächer so, dass Schülerinnen und Schüler einbezogen und "mitgenommen" werden. Dabei treffen wir auf viele unterschiedliche Individuen, die wahrgenommen werden möchten und die die eigene Vorliebe für das Fach manchmal nicht teilen. Eine solche Perspektive kann in Praxisphasen erlebt und reflektiert werden. Im Laufe der Jahre perfektionieren Lehrkräfte daher vor allem die Fähigkeit, junge Menschen immer wieder für die fachlichen Inhalte zu begeistern und ihnen wiederholt geduldig die grundlegenden Kenntnisse des studierten Faches auf gewinnende Weise nahe zu bringen.

Mehrwert für die betreuenden Lehrkräfte

In Freiburg kooperiert meine Schule im Rahmen des Praxiskollegs mit der Albert-Ludwigs-Universität und der Pädagogischen Hochschule. Der Praxisphasentag 2017 des Praxiskollegs war ein gelungenes Fortbildungsangebot im Freiburg Advanced Center of Education (FACE) für alle, die Praxisphasen betreuen. Dr. Benjamin Dreer von der Universität Erfurt stellte z. B. seinen "Praxisleitfaden Lehrerausbildung" vor, der für mich als Betreuerin überaus hilfreich ist und den ich allen Betreuenden empfehlen möchte. Auch andere Formate des Praxiskollegs, wie z. B. die Ringvorlesung nutze ich gerne, da hierbei die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis gezielt im Fokus ist.
Die Betreuung von Praktikantinnen und Praktikanten bedeutet somit auch für die Lehrkräfte einen Mehrwert. Ich reflektiere meinen Unterricht bewusster und erhalte wertvolles Feedback, ggf. sogar zu selbst gewünschten Beobachtungsschwerpunkten, und erfahre, welche aktuellen Forschungsergebnisse und Inhalte an den Hochschulen gelehrt werden. Außerdem kann ich mich in der Erwachsenenbildung erproben. Den Schülerinnen und Schülern können zusätzliche Ansprechpersonen und Aufsichten angeboten werden – sie fühlen sich aufgewertet, weil Interesse an ihrem Tun von außerhalb gezeigt wird.
Die Lehrperson kann aktiv dazu beitragen, dass Projekte und Lebensläufe gelingen. Als Pädagogin oder Pädagoge möchte man Menschen auf ihrem Lebensweg begleiten, dies können gleichermaßen Schülerinnen und Schüler, Studierende oder Forschende sein.

Künftige Herausforderungen

Leider gibt es im Gegensatz zu der Betreuung des 12-wöchigen Integrierten Semesterpraktikums keine angemessene Arbeitsentlastung als Ausgleich für die Betreuung von Praktikantinnen und Praktikanten im Orientierungspraktikum oder für ein Mentoring. Hier sehe ich politischen Handlungsbedarf, denn die Betreuung des Lehrkräftenachwuchses in dieser Phase "nebenbei" zu leisten, wird weder der Aufgabe noch den Beteiligten gerecht.


Jessica Ohletz ist Lernbegleiterin an einer Gemeinschaftsschule, Mentorin für Lehramtsanwärterinnen und -anwärter der Sek. 1, Ausbildungsbeauftragte (Sek. 1) und Ansprechpartnerin für die Kooperation der Hochschulpartnerschule mit dem Freiburg Advanced Center of Education (FACE) im Praxiskolleg.