Kommentar: Professionalisierungskonzepte phasen- und standortübergreifend entwickeln

Die lehrerbildenden Universitäten und Hochschulen sind durch die mit der Digitalisierung eingehergehenden, tiefgreifenden gesellschaftlichen Entwicklungen herausgefordert, sich systematisch, verantwortlich und zukunftsweisend mit der Professionalisierung angehender Lehrkräfte in der digitalen Welt auseinanderzusetzen. Für einen solchen komplexen Gegenstand bieten sich Verbünde und Kooperationen ganz besonders an.

Prof. Dr. Isabell van Ackeren

Isabell van Ackeren ist Professorin für Schulentwicklungsforschung und seit 2014 Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Duisburg-Essen.

© Petra Pistor

Ein Kommentar von Isabell van Ackeren

Der Mai dieses Jahres war ein wichtiger Monat aus Sicht von Schulen und lehrerbildenden Hochschulen im Hinblick auf das Thema Digitalisierung: Der zwischen Bund und Ländern verhandelte "DigitalPakt Schule“ ist nach einer Änderung des Grundgesetzes in Kraft getreten; damit wird ein wichtiger Beitrag für die infrastrukturellen Grundlagen der Digitalisierung in Schulen – dem Arbeitsfeld von (angehenden) Lehrkräften – gelegt. Darüber hinaus fielen die Förderentscheidungen in der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" mit dem Schwerpunkt Digitalisierung; in 26 Projekten werden hier in den kommenden Jahren innovative Ideen für die Aus- und Fortbildung vorangebracht, einige davon in strategischen Hochschulverbünden.

In Nordrhein-Westfalen haben sich beispielsweise gleich alle zwölf lehrerbildenden Standorte zusammengeschlossen und kooperieren mit den zentralen Akteuren der zweiten und dritten Phase, um Konzepte und Produkte gemeinsam zu gestalten, Entwicklungsprozesse zu reflektieren und erfolgversprechende Maßnahmen in die Ausbildungsstrukturen zu integrieren. Unterstützt werden sie dabei sowohl vom Schul- als auch vom Wissenschaftsministerium sowie vom Pädagogischen Landesinstitut. Den Beteiligten ist sehr bewusst, wie wichtig die gemeinsame Anstrengung beim komplexen Thema der Digitalisierung ist, das der fachspezifischen und fachübergreifenden Operationalisierung bedarf – im Sinne medienpädagogischer, fachdidaktischer und auch informatischer Kompetenzen.

Aus Sicht von Hochschulleitung wird es in der neuen Programmlinie insbesondere darum gehen, im Themenfeld relevante Strategien, organisationale Strukturen und Steuerungsprozesse (weiter) zu entwickeln und nachhaltig zu verankern. Dies betrifft beispielsweise die Ausdifferenzierung bestehender Digitalisierungsstrategien im Hinblick auf lehramtsspezifische Aspekte, den Auf- und Ausbau von Zentren bzw. (phasenübergreifenden) Netzwerksstrukturen für ‚digitale‘ Bildung bis hin zu lernenden Regionen sowie von Anreizsystemen (beispielsweise über Innovationsfonds und die Schaffung zeitlicher Freiräume) zur Entwicklung von Konzepten, Maßnahmen und Tools einschließlich ihrer curricularen Verankerung. Letztlich müsste dies jedes studierbare Unterrichtsfach einschließlich der bildungswissenschaftlichen Anteile betreffen; eine zentrale Herausforderung besteht dabei in der dafür notwendigen Expertise.

Verbundvorhaben, die die Expertise verschiedener Standorte in Fachgruppen bündeln, bieten einen Lösungsansatz. Eine phasenübergreifende Organisation solcher Netzwerkstrukturen, etwa in Form von Communities of Practice, verspricht eine schnellere Diffusion des Wissens in praktische, technologie- und medienbasierte Anwendungskontexte und kann die Orientierung der Hochschulen an den Bedarfen der Schulpraxis stärken, die ihrerseits aktuelle wissenschaftliche Grundlagen gezielter wahrnehmen und reflektieren kann. Der Kompetenzaufbau lässt sich als kontinuierlicher und kumulativer Prozess über die Institutionen hinweg abstimmen. Bei der Koordinierung können die Zentren für Lehrerbildung bzw. Schools of Education eine zentrale Rolle übernehmen, wobei die Leitungsebenen der beteiligten Institutionen den Prozess unterstützen müssen. Eine zentrale Aufgabe besteht dabei darin, ein für alle Lehrenden unterstützendes Umfeld mit technischer, mediendidaktischer und rechtlicher Expertise und entsprechendem Service aufzubauen, um den Einstieg in das Thema ohne größere Barrieren auch in der Breite zu erleichtern.

Die Programmförderung im Rahmen der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" bietet die Chance, besonders innovative und zukunftsweisende Entwicklungsmodelle mit einer klaren Vision für den Transformationsprozess der Lehrerbildung und für die zukunftsfähige Kompetenzentwicklung möglichst vieler (angehender) Lehrkräfte im Bereich der Digitalisierung aufzusetzen und sichtbar zu machen. Dabei dürfte eine für Veränderungen und Innovationen, aber auch für Ungewissheit offene Haltung der beteiligten und kooperierenden institutionellen und individuellen Akteure besonders wichtig sein.


Isabell van Ackeren ist Professorin für Schulentwicklungsforschung und seit 2014 Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Duisburg-Essen; in dieser Funktion ist sie Leiterin des Einzelvorhabens "Professionalisierung für Vielfalt" (ProViel) sowie des Verbundvorhabens "Communities of Practice NRW – für eine Innovative Lehrerbildung" (ComeIn) in der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung". Sie hat 2018 eine Fachgruppe zur Digitalisierung in der Lehrerbildung auf Einladung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) moderiert.