Kommentar: Kohärenzphantasien, Paradigmenstreit oder professioneller Umgang mit einer fragmentierten Lehrkräftebildung?

Wahrscheinlich kennen wir das alle aus der eigenen Schulzeit: Lehrkräfte, die genau ihr Schulfach für das wichtigste der Welt halten und sich abschätzig über Kolleginnen und Kollegen anderer Fächer äußern. Wahrscheinlich ist auch, dass sie genau dies durch ihre fachliche Hochschulsozialisation internalisiert haben. Denn solche Nebenwirkungen sind erwartbar, wenn Kohärenzphantasien die Probleme einer fragmentierten Lehrkräftebildung unbearbeitet lassen.

Personen sitzen auf Sofa und lesen; © BMBF/Alexandra Roth

Kohärenzphantasien, Paradigmenstreit oder professioneller Umgang mit einer fragmentierten Lehrkräftebildung? Zahlreiche QLB-Standorte nehmen sich dieser Fragestellung aktiv an.

© BMBF/Alexandra Roth

Ein Kommentar von Martin Heinrich, Nina Meister & Lilian Streblow


Das Problem der faktisch-empirischen Multiparadigmatik jenseits aller Kohärenzansprüche

Die vielfach geforderte Kohärenz in der Lehrkräftebildung ist zumeist an Universitätsstandorten angesichts der Eigenlogiken der unterschiedlichen Fachtraditionen der Beteiligten nicht zu realisieren. Diese werden über Lehrerausbildungsgesetze, landesweite Prüfungsvorgaben, gemeinsame Curricula und so genannte Standards für die Lehrerbildung zunächst nur formal in ein Interdependenzverhältnis gebracht, während die faktische Lehrtätigkeit unterschiedlichen Paradigmen und dem jeweiligen disziplinären Deutungsschema von Wirklichkeit folgt.

Dieses altbekannte Phänomen einer fragmentierten Lehrkräftebildung wird in Bielefeld mit dem zwar erkenntnistheoretisch widersinnigen, die empirisch-praktisch vorherrschende Gemengelage aber treffend beschreibenden Begriff der "Multiparadigmatik" gefasst. Um die Studierenden hier nicht in diesen Paradigmenstreiten allein zu lassen, sondern gleichsam zumindest metareflexiv eine Kohärenz anzubieten, die auch wechselseitige Wertschätzung ermöglicht, bedarf es Lehrender, die sich dieser Spannungen bewusst sind und sie den Studierenden als jeweils fachlich begründete Spannungsfelder – mit ihren Möglichkeiten und Grenzen – vermitteln können.


Diskursive Bearbeitungsformen jenseits naiver Kohärenzphantasien

Um die damit zum Desiderat werdende Professionalisierung der Lehrenden zu bewerkstelligen, wurde in Bielefeld das Format der gemeinsamen "Materialwerkstätten" für Lehrende aus den Fachdidaktiken, den Fachwissenschaften und den Bildungswissenschaften eingeführt. Durch spezifische Modi der Bearbeitung hochschuldidaktischen Materials wird in diesen die Paradigmenvielfalt in der Lehre fassbar und zugleich verhandelbar.

Einen ähnlichen Weg verfolgt das Marburger "Professionalisierungsforum" (ProfiForum). Es bietet Vertreterinnen und Vertretern aus Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften den Rahmen für einen Diskurs über fachliche Schlüsselfragen. Im ProfiForum werden die spezifischen Perspektiven zur Auseinandersetzung mit Wirklichkeit sowie die zentralen Paradigmen, Grundannahmen und Methoden der Fächer an Kolleginnen und Kollegen anderer Fächer vermittelt und zunehmend vergleichend diskutiert. Die Teilnehmenden nehmen dabei wechselweise die Rolle fachlicher Expertinnen und Experten sowie fachlicher Laien ein, die aus diesen Rollen heraus unterschiedlich auf die jeweiligen Fachgegenstände (beispielsweise Sprache, Texte, Normen, Bewegung, Werte, Formen) blicken. Damit werden zugleich spezifische erkenntnistheoretische Vorannahmen, Potenziale und Begrenzungen der Fächer sowie daraus resultierende Vermittlungsprobleme in der Lehrerbildung reflexiv zugänglich und bearbeitbar.


 Fazit: Kohärenz oder professioneller Umgang mit einer fragmentierten Lehrkräftebildung?

Das Ideal einer kohärenten Lehrerbildung ist entweder bildungspolitische Einheitsideologie oder nur als metareflexives Konstrukt sinnvoll. Als bildungspolitische Einheitsideologie müsste sich die Lehrkräftebildung in Deutschland entgegen ihrer historischen Genese und der im Grundgesetz verbürgten Freiheit von Forschung und Lehre einem einzigen Paradigma verschreiben und dies mit entsprechender Deutungsmacht durchsetzen. Da dies im Rahmen freiheitlich demokratischer Wissenschaft und der erforderlichen Grundgesetzkonformität weder wünschenswert noch realisierbar ist, kann Kohärenz nur im Sinne eines metareflexiven Konstrukts realisiert werden, das die sich notwendig widersprechenden (denn ansonsten bestünde keine paradigmatische Differenz!) Paradigmen in einem gemeinsamen "Verstehensversuch" bündelt – einer "Multiparadigmatischen Lehrkräftebildung".

  

Prof. Dr. Martin Heinrich ist gelernter Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch, Philosophie und Pädagogik, Professor für Schulentwicklung und Schulforschung an der Universität Bielefeld, Wissenschaftlicher Leiter der Versuchsschule Oberstufen-Kolleg sowie Projektleiter des Bielefelder QLB-Projekts "Biprofessional".

Dr. Nina Meister ist wissenschaftliche Koordinatorin im Projekt "ProPraxis" am Zentrum für Lehrerbildung der Philipps-Universität Marburg, Habilitandin (Fachkultur- und Lehrerbildungsforschung) und Leiterin des "ProfiForums" sowie des Förderformats "ProfiDoc" für Qualifikand*innen.

Dr. Lilian Streblow ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bielefeld School of Education (BiSEd) und Leitung der Bereiche "Kompetenzentwicklung", "Qualitätssicherung", "Forschungsunterstützung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses" sowie stellvertretende Projektleiterin des Bielefelder QLB-Projekts "Biprofessional".