Kommentar: Digitalisierung und Lehrerbildung

Wenn es ein gesamtgesellschaftliches Ziel ist, Digitalisierung bewusster und sinnvoller in der menschlichen Lebenswelt zu verankern, dann kann sich Schule nicht davor verschließen. Vielmehr muss Schule hierzu sowohl einen reaktiven als auch einen proaktiven Beitrag leisten. Und wenn Digitalisierung in die Schulen kommen soll, dann braucht es kompetente Lehrpersonen. Dementsprechend stellt sich auch für die Lehrerbildung selbst die Frage nach einer Digitalisierung.

Prof. Dr. Klaus Zierer

Prof. Dr. Klaus Zierer ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg und forscht zu den Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung im Bildungsbereich.

Klaus Zierer/private Aufnahme

Ein Kommentar von Klaus Zierer

Digitalisierung und Lehrerbildung: Vor diesem Hintergrund sind mindestens die folgenden drei Fragen zu beleuchten – in der vorgestellten Reihenfolge, weil sowohl die Schule als auch die Lehrerbildung für die Schülerinnen und Schüler da sind:

Was ist das Ziel einer Digitalisierung von Schule?
Geht man von einem humanistischen Bildungsverständnis aus, wonach sich Bildung darin zeigt, was ich aus meinem Leben gemacht habe, und nicht darin, was man aus mir gemacht hat, so kann Bildung mit einem erfüllten Leben umschrieben werden. Sicherlich hilft Digitalisierung in vielfacher Hinsicht, mehr Lebensfreude zu erhalten. Aber es gibt auch Schattenseiten, für die exemplarisch das Stichwort „Smartphone-Sucht“ genannt werden kann. Neil Postman hat diese Einflüsse von Technik bereits in den 1980er Jahren so formuliert: Wer annimmt, Digitalisierung „sei stets ein Freund der Kultur, der ist zu dieser vorgerückten Stunde nichts als töricht.“ Kurzum: Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, müssen nicht nur lernen, wie Technik funktioniert. Sie müssen vor allem auch lernen, wann es sich lohnt, diese einzuschalten und wann es besser ist, diese auszuschalten. Eine umfassende Medienbildung muss das Ziel von Schule sein. Sie fragt nach dem Sinn und Nutzen von Technik und umfasst die Bereiche der Medienkunde, der Mediennutzung, der Mediengestaltung und der Medienkritik.

Welche Expertise braucht die zukünftige Lehrergeneration, um Digitalisierung in Schulen umzusetzen?
Damit Lehrpersonen eine umfassende Medienbildung in der Schule umsetzen können, bedürfen sie einer gewissen Expertise, die nicht nur auf Kompetenzen beruht, sondern in besonderer Weise auch Haltungen erfordert: Wissen und Können alleine reicht nicht aus, um eine erfolgreiche Lehrperson zu sein. Dafür notwendig sind ein Wollen und ein Werten, das immer vom Lernenden ausgeht und zum Lernenden hinführt. Anfang und Ende pädagogischer Entscheidungen ist folglich immer der Mensch mit seinen Grenzen und Möglichkeiten. Kompetenz und Haltung definieren Expertise. Im Kontext einer Digitalisierung von Schule bedeutet dies: Pädagogik vor Technik. Irrtümlich glauben beispielsweise viele, dass Digitalisierung dazu dient, Lernen einfach zu machen. Lernen ist aber nichts einfaches, sondern erfordert Anstrengung und Einsatz. Demzufolge muss Lehrpersonen von Anfang an deutlich gemacht werden, dass ihre Aufgabe im Allgemeinen und im Kontext der Digitalisierung darin besteht, Lernen möglichst herausfordernd zu machen. Lehrpersonen müssen folglich ein Bewusstsein für ihre gesamtgesellschaftliche Aufgabe haben, den Unterschied zwischen Lernen und Bildung kennen, neben einem hohen Maß an Fachkompetenz auch pädagogische Kompetenz und didaktische Kompetenz vorweisen sowie entsprechende Haltungen mitbringen.

Welche Lehrerbildung ist dafür notwendig?
Ähnlich wie in der Schule muss auch Lehrerbildung zwei Perspektiven im Kontext einer Digitalisierung unterscheiden: die Perspektive des Unterrichts und die Perspektive der Bildung. Dabei fokussiert die Perspektive des Unterrichts darauf, wie Digitalisierung bewusst und sinnvoll in der Lehrerbildung eingesetzt werden kann, um das Lernen von angehenden Lehrpersonen in Vorlesungen und Seminaren zu unterstützen. Mittlerweile liegt hierzu eine Reihe von empirischen Ergebnissen vor, die deutlich machen, dass in der Lehrerbildung eine evidenzbasierte Didaktik wichtig ist. Diese erfordert von den Verantwortlichen ebenso Kompetenz und Haltung wie von Lehrpersonen in den Schulen. Demgegenüber stellt die Perspektive der Bildung ins Zentrum, welche digitalen Kompetenzen und Haltungen angehende Lehrpersonen selbst brauchen, um den ihnen übertragenen Bildungs- und Erziehungsauftrag eines Tages selbst umsetzen zu können. Dabei gilt für sie, was bereits für Schülerinnen und Schüler gesagt wurde: Es besteht die Aufgabe in der Lehrerbildung, den angehenden Lehrpersonen eine umfassende Medienbildung zuteil werden zu lassen. Auch sie müssen für sich immer wieder und ein Leben lang reflektieren, wo der Mehrwert einer Digitalisierung ist, wo sich Chancen eröffnen und wo sich Risiken ergeben – gerade auch und vor allem in Bildung und Erziehung. Somit sind Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung und Medienkritik ebenso Bestandteile einer zukunftsfähigen Lehrerbildung.

Lehrerbildung zählt für so manchen Erziehungswissenschaftler zu den notleidendsten pädagogischen Einrichtungen. Die nachweisbaren Effekte sind bis heute gering, vieles steckt in den Kinderschuhen. Aus meiner Sicht eröffnet die Debatte über eine Digitalisierung im Bildungsbereich Chancen – nämlich genau hinzuschauen, was bereits gut läuft und wo noch Potenzial besteht, Bewährtes auf den Prüfstand zu stellen und Veränderungen zu wagen. Insofern wird auch hier der Grundsatz gelten müssen: Pädagogik vor Technik. Denn letztlich ist es der Mensch, so schreibt Johann Wolfgang von Goethe, „der jede Technik lebendig macht.“

Prof. Dr. Klaus Zierer ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg und forscht zu den Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung im Bildungsbereich.