Kommentar: Die Verbesserungen sollen nicht versanden – Nachhaltigkeit und Transfer in der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung"

Die "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" hat das Ziel, die Lehrerbildung an allen deutschen Hochschulen zu verbessern. Damit sind "Nachhaltigkeit" und "Transfer" zwei zentrale Herausforderungen: Nachhaltigkeit bezeichnet die dauerhafte Verankerung der erzielten Veränderungen an den beteiligten Institutionen. Transfer bedeutet die Ausbreitung von Ergebnissen aus einem Projekt auf andere Kontexte, z. B. andere Fächer oder andere Universitäten.

Prof. Dr. Cornelia Gräsel und Prof. Dr. Manfred Prenzel

Die Vorsitzenden des Auswahlgremiums der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung", Prof. Dr. Cornelia Gräsel und Prof. Dr. Manfred Prenzel, gaben auf dem zweiten Programmkongress eine Zwischenbilanz und einen Ausblick der QLB.

© BMBF/Michael Reitz

Ein Kommentar von Cornelia Gräsel und Manfred Prenzel

Nachhaltigkeit

Zunächst ist eine langfristige Verankerung einer Neuerung nur dann sinnvoll, wenn damit tatsächlich eine Verbesserung gegenüber der bestehenden Praxis erreicht werden kann. Nachhaltige Veränderungen sollten also nur dann angestrebt werden, wenn ein Nutzen der Innovationen empirisch nachgewiesen wurde (Evidenzorientierung). Ist dies der Fall, dann gilt es, die Innovation institutionell zu verankern und sie unabhängig von den Akteuren zu machen, die sie entwickelt und realisiert haben. Das setzt voraus, dass Projektergebnisse dokumentiert und in Abläufe und Strukturen der Organisation integriert werden. Es bedeutet auch, dass sich die Organisation insgesamt weiterentwickelt (in Verantwortlichkeiten oder Strukturen der Zusammenarbeit, etwa mit Institutionen der zweiten oder dritten Phase der Lehrerbildung).

Inwieweit dementsprechende organisationale Veränderungen mitgedacht wurden, war für die Begutachtung der Anträge in der Qualitätsoffensive ein wichtiges Kriterium. Insbesondere wurde darauf geachtet, dass die Hochschulen ihre Bereitschaft erklärten, notwendige Ressourcen langfristig zu sichern, z. B. in Form von Dauerstellen oder der Einrichtung von Supportstellen. Ferner war und ist es ein wichtiger Aspekt, dass die Neuerungen auch in die weitere Entwicklung der Organisation einbezogen werden, z. B. in die Standardverfahren der Qualitätssicherung und der (Re-)Akkreditierung. Generell zeigt sich die nachhaltige Verankerung in den Produkten, die in einem Projekt erzielt werden, z. B. in neuen Curricula oder Kurskonzepten, digitalen Tools und Materialien.

Transfer

Die Ausbreitung von Neuerungen auf neue Kontexte kann in verschiedener Weise erfolgen: Der Transfer kann innerhalb einer Hochschule geschehen, z. B. von einem Studienfach auf andere. Ein Beispiel dafür sind Unterrichtsvideos, die in verschiedenen Projekten nach und nach für mehr Fachdidaktiken entwickelt und genutzt werden. Ergebnisse können auch über die Institutionen transferiert werden, die für verschiedene Phasen der Lehrerbildung verantwortlich sind. Dafür sind Lerntagebücher für Praxisreflexionen ein Beispiel, die von Universitäten und von Studienseminaren verwendet werden. Schließlich können Ergebnisse über verschiedene Standorte hinweg transferiert werden.

Den verschiedenen Varianten von Transfer ist gemeinsam, dass eine Neuerung in einem ersten Kontext entwickelt und in einem oder mehreren weiteren Kontexten anwendet wird. Ob der Transfer gelingt, setzt dementsprechend voraus, dass die beiden Kontexte daraufhin analysiert werden, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sie aufweisen, z. B. in Hinblick auf die entsprechenden Bedingungen und Zielstellungen. Unter welchen Bedingungen können Unterrichtsfilme mit Stunden aus dem Biologieunterricht beispielsweise auch für Veranstaltungen der Chemiedidaktik verwendet werden? Ist ein weiterer Transfer auf Mathematikdidaktik möglich, und – wenn ja – inwieweit muss das Lehrmaterial zu den Videos verändert werden? Transfer von einem auf den anderen Kontext geschieht nicht automatisch (und auch nicht umsonst) – er ist das Resultat sorgfältiger Planung und Unterstützung. Für das Gelingen von Transfer ist es also notwendig, aber nicht hinreichend, über entsprechende Plattformen Materialien zur Verfügung zu stellen, etwa Unterrichtsfilme, Lerntagebücher oder Lehrmaterialien. Es ist darüber hinaus zu überlegen, inwieweit in den Anwendungskontexten über Fortbildungen oder andere Maßnahmen Wissen zur Verfügung gestellt werden kann, wie die Materialien verwendet werden können. Damit ist ebenfalls zu analysieren, inwieweit organisationale Veränderungen vorgenommen werden müssen, also Veränderungen in den Strukturen und Prozessen der Lehrerbildung. In Hinblick auf empirische Studien und Evaluationen stellt Transfer komplexe Anforderungen, denn es muss nun Wirksamkeit unter verschiedenen Kontextbedingungen geprüft werden: Wirken sich die Videofilme in der Chemiedidaktik beispielsweise ebenso auf den Kompetenzerwerb aus wie in der Biologiedidaktik? Eine wichtige Aufgabe der Evaluation bei Transferstudien besteht darin, evidenzbasiert für verschiedene Kontexte Anpassungen und Weiterentwicklungen vorzunehmen.

Insgesamt erfordern sowohl die Nachhaltigkeit als auch der Transfer gute Konzepte und ein Lernen von gelungenen Beispielen. Deswegen spielen beide Konzepte auch bei der Begleitung und Unterstützung der Hochschulen – beispielsweise in den Vernetzungstreffen und Programmkongressen – eine zentrale Rolle.


Prof. Dr. Manfred Prenzel (Vorsitz) und Prof. Dr. Cornelia Gräsel (stellvertretender Vorsitz) leiten das Auswahlgremium der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung".