Kommentar: Die Gewinnung und Auswahl angehender Lehrkräfte

Wie gewinnt man geeignete Lehrkräfte? Sind Eignungstests sinnvoll? Welche Fähigkeiten lassen sich erlernen? Fragen wie diese sind nicht leicht zu beantworten. Wir wissen aber, dass Lehrkräfte maßgeblich sind für die Qualität des Bildungssystems. Ihr Wissen, Können und Engagement prägen die nächste Generation. Wir wissen auch, welche Kompetenzen erfolgreiche Lehrkräfte benötigen. Viele Länder investieren entsprechend neben der Ausbildung auch in die Auswahl geeigneter Lehrkräfte.

Autorin des Kommentars

Prof. Dr. Uta Klusmann ist Psychologin und Professorin für Empirische Bildungsforschung am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Entwicklung professioneller Kompetenz und der Gesundheit von Lehrkräften.
 

Uta Klusmann/private Aufnahme

Ein Kommentar von Uta Klusmann

In Deutschland wird oft vermutet, dass sich Personen mit ungünstigen Voraussetzungen für das Lehramtsstudium entscheiden. Studien zeigen aber, dass angehende Lehramtsstudierende vergleichbare kognitive Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften wie andere Studierende aufweisen. Darüber hinaus wählen sie ihr Studium aufgrund ihres sozialen Interesses und weniger wegen des Gehalts und der Arbeitszeit. Sollten diese Befunde die Diskussion um die Gewinnung geeigneter Lehrkräfte beenden? Keinesfalls, denn die Durchschnittswerte bedeuten nicht, dass sich nicht auch Personen mit ungünstigen Merkmalen für das Lehramt entscheiden. Auch zeigen Studien, dass sich angehende Lehrkräfte am Ende ihrer Ausbildung deutlich in ihren fachlichen und überfachlichen Kompetenzen unterscheiden. Bereits ein geringer Anteil ungeeigneter Lehrkräfte hat dabei gravierende Folgen, weil diese im Laufe eines Berufslebens eine große Anzahl von Schülerinnen und Schülern unterrichten.

In der Diskussion um die Auswahl von angehenden Lehramtsstudierenden bzw. Lehrkräften gibt es gute Argumente für und gegen den Einsatz standardisierter Verfahren bzw. die Festlegung bestimmter Kriterien. Ein starkes Argument für Auswahlverfahren ist die immens hohe Verantwortung des Lehrerberufs. Es gibt wenige vergleichbar verantwortungsvolle Berufe, in denen es weder vor der Ausbildung noch vor der (lebenslangen) Anstellung eine systematische Testung bestimmter Eignungskriterien bzw. die Festlegung von Notengrenzen gibt. Auch spricht dafür, dass sich in anderen Ländern gezeigt hat, dass Auswahlverfahren nicht nur die Qualität sichern, sondern auch das Prestige eines Studiengangs und somit die Nachfrage erhöhen können. Dagegen spricht, dass es in vielen Fächern des Lehramts zu wenige Studieninteressierte gibt und ein frühes Auswahlverfahren der Freiheit der Studien- und Berufswahl widerspricht.

Um genügend gut geeignete und ausgebildete Personen für das Lehramtsstudium bzw. den Beruf zu gewinnen, ist es notwendig den Beruf und die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten für einen größeren Kreis von potentiellen Lehramtskandidatinnen und -kandidaten attraktiv zu gestalten. Dies könnte erstens dadurch geschehen, dass die Polyvalenz der Lehramtsstudiengänge ernst genommen wird und sie explizit für andere Berufe qualifizieren. Dies kann Personen ansprechen, für die es wenig erstrebenswert ist, bereits im ersten Semester den Berufswunsch festzulegen. Und es ermöglicht anderen, sich ohne ein Fehlinvestment von Zeit und Geld für einen alternativen Berufsweg zu entscheiden. Zweitens, könnten weitere, potentiell geeignete Personen für das Lehramt durch einen qualifizierten Quereinstieg in den Lehrerberuf gewonnen werden.

Gleichzeitig sind die Möglichkeiten standardisierter Auswahlverfahren zu diskutieren. Es gibt sowohl hinsichtlich möglicher Instrumente als auch ihrer Implementation internationale Bespiele, die sich für Deutschland adaptieren ließen. Aufgrund der geringen Studierendenzahlen, der prinzipiellen Erlernbarkeit der fachlichen Aspekte professioneller Kompetenz und der Persönlichkeitsentwicklung im Studium ist zu empfehlen, nicht in einem zu frühen Stadium Auswahlverfahren durchzuführen, sondern zunächst Entwicklungsmöglichkeiten durch qualitätsvolle Lernangebote zu bieten. Die hohe Verantwortung der Profession spricht allerdings dafür, vor dem Vorbereitungsdienst oder der unbefristeten Einstellung eine Auswahl aufgrund objektiver und verlässlicher Verfahren vorzunehmen. Die aktuell bei der Studienwahl verwendeten Selbsterkundungsverfahren ersetzen ein solches Verfahren nicht. Sie verschieben die Laufbahnentscheidung alleine auf die Person und ihre Validität ist fraglich.

Die Gewinnung und Auswahl von Lehrkräften ist ein bildungspolitisch hoch relevantes Thema. Die Forschung kann entsprechende diagnostische Instrumente entwickeln und Wissen über die Entwicklung professioneller Kompetenz bereitstellen. Die Diskussion um die Gewinnung und Auswahl darf aber nicht davon ablenken, wie wichtig die Qualität der Lehramtsausbildung ist: Für erfolgreiche Lehrkräfte im Beruf müssen kluge, motivierte und sozial interessierte Personen auf die bestmögliche Aus- und Weiterbildung treffen.

Prof. Dr. Uta Klusmann ist Psychologin und Professorin für Empirische Bildungsforschung am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Entwicklung Professioneller Kompetenz und der Gesundheit von Lehrkräften.