KALEI-Jahrestagung 2018: Kasuistik – Disziplinübergreifende Ordnungsversuche und Reflexionen der Praxis

Von 31. Mai bis 01. Juni 2018 fand an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Jahrestagung des QLB-Projekts „Kasuistische Lehrerbildung für inklusiven Unterricht“ (KALEI) statt. Die 110 Teilnehmer*innen aus Deutschland und der Schweiz tauschten sich in Plenarvorträgen, Workshops und Vortragspanels intensiv zu „disziplinübergreifenden Ordnungsversuchen und Reflexionen der Praxis“ aus.

Eröffnung der KALEI-Jahrestagung in den Franckeschen Stiftungen

Eröffnung der KALEI-Jahrestagung in den Franckeschen Stiftungen, Halle/S.

P. Grüttner

von Doris Wittek

Kasuistische Lehr-Lernformate und Forschungsvorhaben haben derzeit Hochkonjunktur innerhalb der universitären Lehrer*innenbildung. Dies lässt sich auch an der Vielzahl kasuistisch orientierter Projekte innerhalb der Qualitätsoffensive Lehrerbildung erkennen. So auch im Projekt KALEI.

Warum erscheint Fallarbeit so reizvoll und ergiebig für die Lehrer*innenbildung?

Der Fallbezug – als ein zentrales Merkmal des Lehrerberufs – verspricht im Studium einen Praxisbezug herzustellen, der der Komplexität des Theorie-Praxis-Verhältnisses im Lehramt gerecht wird. Mittels der Kasuistik, so die in die universitäre Programmatik eingeschriebene Hoffnung, können die Studierenden für ihr späteres professionelles Handeln erkennen, dass Bestände des Erfahrungswissens und Elemente des professionellen Handlungsrepertoires in fall- und situationssensiblen Konstellationen immer wieder aufs Neue praktisch ins Verhältnis gesetzt werden müssen; auch und gerade da das Lehrerhandeln sich dadurch auszeichnet, dass es unter steter Bewährung steht und immer eine potenziell revisionsfähige und transformierbare Routine umfasst.

Workshop im Rahmen der KALEI-Jahrestagung

Zusammenführung der Workshop-Ergebnisse und Podiumsdiskussion

P. Grüttner

Warum ist es an der Zeit, Ordnungsversuche vorzunehmen?

Angesichts der Vielzahl an fallorientierter Lehre und Forschung in ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen (für die Lehrer*innenbildung besonders die Schulpädagogik und die Fachdidaktik) ist im Überblick über die vorhandene Praxis der Kasuistik an den verschiedenen Standorten – aber auch im Vergleich innerhalb einzelner Standorte – festzuhalten: Die Ausgangslage der jahrelangen praktischen Erfahrung ist ausdifferenziert und zugleich diffus. Bestehende Gemeinsamkeiten in der methodischen, gegenstandsbezogenen und medialen Ausgestaltung finden sich ebenso, wie sich scheinbar ausschließende Gegensätze. Dabei sind empirisch fundierte Befunde zu Fragen der Wirksamkeit der Formate oft ebenso ein Desiderat wie eine Klärung gemeinsamer Begriffe. Hinzu kommen die unterschiedlichen Zugänge der Disziplinen, der Fächer wie auch jeweils interne Differenzen in den (vermeintlich) vorhandenen methodischen „Schulen“.

So birgt die differente Praxis das (Gefahren-)Potenzial, sich in dem unüberschaubaren Feld verorten wie auch verlieren zu können. Es scheint uns deshalb an der Zeit für disziplinübergreifende Ordnungsversuche und eine daran anschließende Reflexionen der Praxis.

Welches Ziel verfolgte die Tagung?

Mit dem Programm der Tagung ist es gelungen, vorhandene Ansätze kasuistischen Arbeitens zu thematisieren, miteinander in Beziehung zu setzen, Strukturierungen im Feld der verschiedenen Ansätze vorzunehmen und interessante „next-practice“-Beispiele zur Diskussion zu stellen. Ganz konkret wurden auch interdisziplinäre Differenzen thematisiert. Auch aus diesem Grund war die Tagung in einer Konstellation aus Input- und Workshop-Phasen gestaltet, um die verschiedenen Erfahrungen einzuholen.

Teilnehmer*innen einer Interpretationswerkstatt Fachdidaktik – Schulpädagogik

Teilnehmer*innen einer Interpretationswerkstatt Fachdidaktik – Schulpädagogik

P. Grüttner

Das Programm der Tagung war entsprechend verschiedener Zugänge zu Ordnungsversuchen geplant

Prof. Dr. Werner Helsper (Halle-Wittenberg) verortete in einer einleitenden Keynote aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive Kasuistik als Forschungs- und Lehrkonzept zur wissenschaftlichen Erkenntnisbildung. Als Pendant blickte Prof. Dr. Friederike Heinzel (Kassel) in einer zweiten Keynote vor allem auf die Praxis der Kasuistik in der Lehrer*innenbildung und unternahm hier einen Ordnungsversuch. Den Gedanken der disziplinübergreifenden Ordnungsversuche kam zudem in drei parallel stattfindenden Panels in Form eines Tandems aus fachdidaktischer und schulpädagogischer Perspektive zum Ausdruck, die ihren je eigenen Zugang zu Fällen diskutierten. In Vortragspanels zu derzeit zentralen, thematischen Fragen zur Kasuistik stellten Kolleg*innen aus den Fachdidaktiken, der Rehabilitationspädagogik und der Schulpädagogik Beiträge vor. Die Tagung wurde von Prof. Dr. Thomas Häcker (Rostock) in einer Conclusio abgeschlossen.