Herausforderung: Gesund bleiben in einem krankenden System

Neben dem, was jede Person für die eigene Gesundheit tun kann, ist es essenziell, dass die uns umgebenden Strukturen auch gesundheitserhaltend oder besser noch fördernd sind. Doch was heißt das mit Blick auf Lehrkräfte? Welche Herausforderungen es gibt, was es braucht, um in diesem Beruf gesund zu bleiben und welche Bedingungen dafür geschaffen werden müssen, erläutert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung.

Udo Beckmann

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE)

© Thomas Jauk

Von Udo Beckmann

Es war nie einfach, in der Schnupfensaison gesund zu bleiben. Wer als Lehrkraft in einem Raum mit 25 Kindern, von denen 10 die Nase läuft, den ganzen Tag verbringt, wird schnell selbst krank. So kam es, dass Jahr für Jahr in der Grippesaison halbe Klassen zusammengelegt werden mussten. Doch auch wenn das nervig ist, trifft diese Episode nicht den Kern des Problems von Lehrkräftegesundheit. Sich bei Personen anzustecken, mit denen man zusammenarbeitet, gelingt auch jedem anderen. Die Arbeitsbedingungen, die wir an Schulen vorfinden, provozieren aber auf die Dauer ein gesundheitsschädigendes Umfeld.

Was hilft im Dauerstress?

Mit Stress umgehen zu lernen ist daher wichtig, um im Schulalltag bestehen zu können.

Udo Beckmann

Laut unseren regelmäßig bei forsa beauftragten Meinungsumfragen ist das größte Problem für den Schulalltag, dass die Politik ihre Entscheidungen nicht anhand der Realität vor Ort trifft. Das stellt die Beschäftigten an den Schulen vor große Herausforderungen. Die Anforderungen steigen, die Lerngruppengröße auch, die Erwartungshaltung sowieso. Lehrkräfte befinden sich im Dauerstress. Mit Stress umgehen zu lernen ist daher wichtig, um im Schulalltag bestehen zu können. Helfen können fest eingeplante Auszeiten vom Schreibtisch, Verabredungen zu entspannendem Sport, wie Yoga oder Pilates, und auch die Reflexion der eigenen Anspruchshaltung. Muss die Klausur wirklich bis Montag kontrolliert sein? Kann der Elternbrief auch noch zwei Tage warten? Kann eine Kollegin bei dem Gespräch mit dem Jugendamt unterstützen? Das ist eine Fähigkeit, die vor allem im Referendariat geschult wird, auf die aber auch in der ersten Phase der Lehrkräftebildung schon hingewirkt werden sollte.

Veränderte Arbeitsbedingungen frühzeitig adaptieren

Je besser Studierende darauf vorbereitet sind, desto eher wird es ihnen gelingen, Digitalisierung nicht als zusätzlichen Stress zu empfinden. Im Gegenteil ist es unbedingt notwendig, die Mehrwerte für sich nutzbar zu machen.

Udo Beckmann

Gerade in den letzten Jahren sind immer mehr Aufgaben an Schulen herangetragen worden. Immer stärker verschiebt sich auch die Erziehungsaufgabe an die Bildungseinrichtungen. Deshalb kann es hilfreich sein, sich schon beim Studieren darauf einzustellen, dass Erziehungsaufgaben einen größeren Teil der Arbeit als noch vor zwanzig Jahren einnehmen. Die Lehrkräftebildung muss hierauf reagieren, indem Angebote geschaffen werden.
Das gleiche gilt für die Einbindung digitaler Endgeräte im Unterricht. Je besser Studierende darauf vorbereitet sind, desto eher wird es ihnen gelingen, Digitalisierung nicht als zusätzlichen Stress zu empfinden. Im Gegenteil ist es unbedingt notwendig, die Mehrwerte für sich nutzbar zu machen. Programme zur individuellen Förderung unterstützen die Lehrkraft und schaffen Zeit für anderes.

Herausforderung Inklusion mitdenken

Mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wird in Deutschland vor allem die Inklusion in Schule verstanden. Allerdings mit vollkommen unzureichenden Bedingungen. So konnten wir im letzten Jahr in einer repräsentativen Lehrkräftebefragung zeigen, dass noch immer die meisten Schulbauten nicht entsprechend umgerüstet sind, um Schülerinnen und Schüler mit körperlichen Beeinträchtigungen dort aufzunehmen. Der eigentliche Skandal ist aber, dass die Klassengröße in der Regel gleichbleibt, wenn Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarfen hinzukommen. Zudem gibt es nur wenig Vorbereitung und kaum Fortbildungen. Das Verhalten der Politik provoziert ein Scheitern des Inklusionsprojektes. Was tun? Studierende sollten schon früh im Studium versuchen, Kurse zu belegen, die sich konkret mit der Thematik befassen. Eine gute Vorbereitung schützt vor Überforderung. Lehrkräfte, die schon in inklusiven Klassen unterrichten, sollten so oft wie möglich versuchen, Unterstützung einzufordern. Sei es vom Kollegium, den Mitgliedern des multiprofessionellen Teams oder weiteren Netzwerkpartnern. Und wir als Gewerkschaft engagieren uns dafür, dass die Bedingungen besser werden.

Präventionsarbeit und Agieren im Konfliktfall

Das Führen schwieriger Gespräche, das Überzeugen unzugänglicher Gesprächspersonen und die Abgrenzung zu solchen Situationen sind essenzielle Fähigkeiten, die eine Lehrkraft erwerben sollte.

Udo Beckmann

Das Bemühen um ein angenehmes Schulklima trägt nicht immer Früchte. Der gesellschaftliche Druck, auf das Gymnasium gehen zu können, führt bei manch einem Elternteil zu erbosten Reaktionen, wenn dies für das eigene Kind nicht möglich ist. Da wird dann auch gedroht und beleidigt, in besonders schweren Fällen sogar die Lehrkraft körperlich angegangen. Aber auch die Kinder selbst können, teilweise auch, weil sie es (noch) nicht anders gelernt haben, ihre Emotionen nicht angemessen kontrollieren. Aus dem Affekt heraus wird die Lehrkraft bedroht oder beschimpft.
In unseren repräsentativen forsa-Umfragen zum Thema "Gewalt gegen Lehrkräfte" (2016, 2018) konnten wir zeigen, dass es an der Hälfte der Schulen in den letzten fünf Jahren psychische Angriffe gegen Lehrkräfte gab und an jeder fünften Schule auch körperliche Angriffe. Tendenz steigend, denn schon 2020 sagten die Befragten, dass an zwei von drei Schulen psychische Angriffe stattfanden und an jeder dritten körperliche Gewalt gegen Lehrkräfte.
Hier sind in allererster Linie die Schulministerien in der Verantwortung, sich vor die Lehrkräfte zu stellen. Dazu gehört anzuerkennen, dass Angriffe keine Einzelfälle sind, sie zu erfassen und Maßnahmen zu ergreifen, um diese wirksam zu vermeiden.
Das Führen schwieriger Gespräche, das Überzeugen unzugänglicher Gesprächspersonen und die Abgrenzung zu solchen Situationen sind essenzielle Fähigkeiten, die eine Lehrkraft erwerben sollte. Schon im Studium sollte dies in Rollenspielen eingeübt werden. Im Referendariat kann dafür auch die Chance genutzt werden, bei Elterngesprächen dabei zu sein.

Besondere Belastungen in der Corona-Krise

In unserer jüngst veröffentlichten repräsentativen forsa-Umfrage wurde nochmals deutlich, was gerade für ein Problem-Portfolio besteht. Vor allem die fehlende Planbarkeit, die parallele Umsetzung verschiedener Unterrichtsformen und die Schulschließungen sowie die damit einhergehende Herausforderung, Homelearning zu organisieren, wurden genannt. Seit über einem Jahr befinden sich die Beschäftigten in den Bildungseinrichtungen nun im Ausnahmezustand. Dass das auf ihre Gesundheit wirkt, ist kaum ein Ergebnis.
Wir erwarten daher von den politisch Verantwortlichen die bestmögliche Unterstützung. Dazu gehört für uns vor allem die Zusammenarbeit mit multiprofessionellen Teams. Werden mehr Personen eingebunden und können sich spezifisch mit den Bedürfnissen der Kinder auseinandersetzen, erhöht das die Chance, dass jede Person des Teams bestmöglich im eigenen Fachbereich wirken kann. Und was kann es besseres als Selbstwirksamkeit geben, um die Persönlichkeit zu stärken und gesund zu bleiben?!

Quo Vadis, Lehrkräftegesundheit?

Lehrkraft zu sein, ist eine besonders spannende Aufgabe. Es gibt einem viel, Kinder und Jugendliche in ihrem Bildungsprozess zu begleiten. Gleichzeitig ist es eine emotional stark fordernde Aufgabe, für die es einer möglichst stabilen Psyche, hoher Resilienz und guter kommunikativer Fähigkeit bedarf. Das kann man lernen! Universitäten, Hochschulen und Fortbildungsinstitute sind aufgerufen, entsprechende Angebote zu unterbreiten und sie mit schulpraktischen Beispielen zu untermauern.

Das Ziel der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern kann nur verwirklicht werden, wenn sich verschiedene Professionen gemeinsam darum kümmern. So kann die Lehrkraft effektiv entlastet werden – und bleibt eher gesund.

Udo Beckmann

Nichtsdestotrotz zeigt sich, dass die Bedingungen an Schulen momentan nicht ideal sind. Die Politik ist daher aufgerufen, Strukturen zu verändern. Es braucht für alle Aufgaben, die an Schulen herangetragen werden, auch die Ressourcen. Fokus der Entwicklung für die nächsten Jahre muss daher ein angemessenes Personalkonzept sein, das auch verändernden Bedarfen an Kooperationszeit Rechnung trägt. Das Ziel der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern kann dabei nur verwirklicht werden, wenn sich verschiedene Professionen gemeinsam darum kümmern. So kann die Lehrkraft effektiv entlastet werden – und bleibt eher gesund.
 

Schlüsselrolle: Schulgesundheitsfachkraft

In Amerika "School Nurse" genannt, kommen Schulgesundheitsfachkräften gleich drei Aufgaben zu. Zuerst einmal können sie Kinder, die aufgrund ihrer chronischen Erkrankungen Medikamente nehmen müssen, dabei unterstützen. Zudem können sie durch ihre medizinische Ausbildung sehr viel besser mit den Bedarfen körperlich beeinträchtigter Schülerinnen und Schüler umgehen. Und nicht zuletzt gehört zu ihrem Aufgabenbereich auch die Prävention gesundheitsschädigender Verhaltensweisen. Schulgesundheitsfachkräfte nehmen damit effektiv Arbeiten ab, die jetzt die Lehrkraft übernimmt.



Der ehemalige Lehrer und Schulleiter Udo Beckmann leitete über 20 Jahre den Landesverband des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Nordrhein-Westfalen. Seit 2009 ist er Bundesvorsitzender des VBE. Für sein herausragendes ehrenamtliches Engagement wurde Beckmann im Herbst 2019 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.